Freitag, 26. August 2016

Weinrallye #101 – Herzensweine



Wie an jedem letzten Freitag im Monat so findet auch heute wieder eine Weinrallye statt. Die Kollegen von drunkenmonday (Ihr wisst schon, die von Lieblings-Nico) laden heute ein zum Thema "Herzensweine". Die Aufgabe: "… ein Wein, der dir nahe geht, begeistert, rührt, erfreut.

Was auch immer dir dazu einfällt: Teile mit uns deine Herzenswein Geschichte."






Warum in aller Welt geht mir seit Tagen dieses dämliche "You're my heart, you're my soul …" nicht aus dem Kopf. Nur weil ich an Herzensweine denke. Herrjessas, bevor ich auch nur einen einzigen klaren Gedanken fassen kann, muss ich erstmal mein bewährtes akustisches Rohr-frei dagegenhalten. "Freebird" Regler auf Anschlag, zweimal hintereinander.



So jetzt geht es. "If I leave here tommorrow, would you still remember me? …" Was bleibt, wenn ich heute gehen muss? An was wird man sich erinnern? Susa jung und unbeschwert auf einem Segelboot auf dem Ijsselmeer? Susa unter Platanen in Südfrankreich oder Olivenbäumen in Griechenland, auf dem Highway One?



Wahrscheinlich hat susa dabei immer ein Glas Wein in der Hand.



Alle möglichen Gedanken kommen und gehen. Nur Herzensweine sind nicht darunter.



Vielleicht sollte ich es einfacher anstellen? Guru, ein dichter, komplexer Weißwein der Wien and Soul Winery? Ein Calon Ségur, mit dem Herzen im Etikett. Dessen Gründer, der Marquis de Ségur, überliefert ist mit den Worten: "Je fais du vin à Lafite et à Latour, mais mon cœur est à Calon" (Meinen Wein baue ich auf Lafite und Latour an. Aber mein Herz ist in Calon.) Oder den Rol Valentin, der auf den Patron aller Liebenden anspielt und ein verspieltes kleines Herzchen im Etikett trägt. (Und bei dem ich jetzt nicht mehr die Geschichte vom knüppelharten Fußballer erzählen kann, denn der hat das Gut 2009 verkauft.)



"Du wirst wohl über Figeac schreiben" mutmaßt der Praktikant. Jeder weiß, dass Figeac mein Herzenswein ist. Ich gedachte ja einen verborgeneren zu präsentieren, sozusagen die heimliche Liebe. Die heimliche Liebe ist ein Roederer Cristal, dieser Ausbund an Eleganz, an Duftigkeit, dieses schwebend, feinperlige seidige Gefühl, das dem Gaumen schmeichelnd wie feinste Seide der Haut. Wunderschön, anbetungswürdig fühlt man sich nach dem ersten Schluck. Ein edles Getränk, das seinen Zauber auf den Genießer überträgt.



Aber, liebe susa, mach Dir nichts vor. Du bist treu und nicht für heimliche Lieben gemacht. Dein Herz gehört Herrn susa und dem Figeac. In dieser Reihenfolge. Alles andere sind wunderschöne flüchtige Erlebnisse, die Du im Poesiealbum Deines Lebens ablegst und manchmal lächelnd darin blätterst.



Figeac, werden jetzt sofort ein paar mäkelige Gesinnungskrokodile aufzählen, der wird es nie zum Premier Cru Classé A bringen. Irgendwie ist der gar kein richtiger St. Emilion mit dem vielen Cabernet Franc und Cabernet Sauvignon. (Cheval blanc, ja das ist doch was gaaaaanz anderes). Dem Figac mangelt es doch hin und wieder an dem letzten Quäntchen Finesse oder Konzentration oder beidem. Und Parker schreibt ja auch … (geschenkt)!



Cheval blanc, das ist wie Bayern München. Immer der erste, niemals schwächeln, Perfektion in Vollendung. Und am Ende – laaaaangweilig.



Figeac, das ist wie das richtige Leben. Da geht eben nicht alles immer glatt, da gibt es Höhen und Tiefen, den spröden 1994er, den grandiosen 1990 und den unterschätzten großartigen 1989er. Figeac, da steckt noch eine richtige Familie dahinter mit allem, was eine Familie ausmacht, auch dem Familienkrach. Und Figeac, das ist vor allem der aristokratische Thierry Manoncourt, einer der Pioniere des modernen Bordeaux, ein Grandseigneur, der noch Stil und Eleganz hatte und nicht dieses arrogant-snobistische Getue, dass die Parvenues dieser Szene irrtümlich für Noblesse halten. Als er 2010 im gesegneten Alter von fast 93 Jahren starb hinterließ er ein erstklassig geführtes Haus und eine Lücke, die im Bordelais bis heute keiner geschlossen hat.



Und dass es Rolland jetzt richten soll mit der Hochstufung zum Permier Cru Classé A will mir nicht so recht schmecken. Ich befürchte, dass Figeac demnächst just another fucking Cru sein wird, glattgebügelt, stromlinienförmig. Nicht in Würde gealtert, sondern wie jemand, der seine Persönlichkeit nicht annehmen will und sie hinter Botox und Facelifting versteckt.



Mein Herz gehört den klassischen Figeacs, den Thierry-Manoncourt-Figeacs, die in ihrer Jugend oft rau, spröde und unzugänglich sind, deren unverwechselbares Merkmal ein kleiner Stinker ist, der aus dem Flaschenhals springt, wenn man den Korken gezogen hat. Dem Altersschönheits-Figeac, dem Wein, der noch er selbst sein darf.



Wir werden beide zusammen alt werden, mein Keller hat genug Auswahl an Jahrgängen bis zum 2014er, ab dem man mit aller Gewalt die Wende herbeivinifizieren will. Hätten sie sich mal lieber an den Wahlspruch des großen Philippe de Rothschild gehalten und für sich entschieden: "A ne suis, B je reste, Figeac ne change!"



Meinen ersten



1995 Château Figeac, Premier Cru Classé B
St. Emilion



habe ich übrigens an einem Tag wie diesem getrunken. Es war ein heißer drückender Frühsommertag, das Thermometer zeigte auch abends noch über 30°C, eine dumpfe Schwüle lag in der Luft und in der Ferne kündigte sich ein grollendes Gewitter an. Ein Wetter, bei dem die Milch im Kühlschrank sauer wird.



Die Spedition hatte den 95er Figeac aus der Subskription geliefert und ich konnte und wollte nicht warten, ich musste sofort und gleich eine Flasche öffnen. Allen Warnungen und Kopfschütteln von Herrn susa zum Trotz.



Der Wein kämpfte tapfer gegen die Hitze. Ich hatte ihn kühl gestellt und kühlte auch das Glas vor jeder Befüllung kurz ab. Dennoch erwärmte sich sein Inhalt rasend schnell. Was diesen Wein ausmacht habe ich erst später herausgefunden, seine Finesse gepaart mit Frische, Beerenfruchtnoten, Bitterschokolade und Tabak und einem faszinierenden Anklang von Grüntee. An diesem Abend schmeckte ich nur – Figeac. Er war zu Hause angekommen. Und die wahre Liebe wartet nicht.




Alle Beiträge der Weinrallye können bei drunkenmonday nachgelesen werden. Sie werden im Laufe des Wochenendes ergänzt.




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