Samstag, 2. April 2016

Nachzügler: Weinrallye #96 – Projektwein




Ich bin ziemlich genau 8 Tage zu spät zur Weinrallye. Acht Tage – das ist im katholischen Ritus die Oktav. Meine Tante Änn pflegte in diesem Zusammenhang zu beruhigen, wenn man etwas zu spät aber noch innerhalb von 8 Tagen erledigte: Wer kommt in der Oktav, ist auch noch brav.

Also trage ich brav noch in der Oktav mein Scherflein bei.

Projektwein! Ich gebe zu, ich war zunächst ratlos. Die Projektweine, die ich kenne, die werden/wurden bestimmt von anderen beackert, wie z.B. der Wein gegen Rassismus, das Projekt des Winzers Lukas Krauß, das man nicht oft genug bewerben kann. Und – off topic – wer einen anständigen Silvaner sucht, nicht so eine glatt gebügelte unser-Wein-zum-Spargel-Plörre, der schaue sich ruhig einmal in Lukas Sortiment um. 

Oder das hoch spannende Wurzelwerk Projekt, über das ich leider zu wenig weiß.

Und ein anderes Projekt fiel mir nicht ein.

Bis heute. Da schrieb der wunderbare Peter Züllig auf Facebook. Wo sollte man zuallererst nachsehen, bevor man in die Ferne schweift? Patsch! Ja, klar! Direkt vor der eigenen Haustür. 
Wieso ist mir das nicht vor 8 Tagen eingefallen!

Die westlichsten Winzer Deutschlands
Das gibt es nämlich das Projekt eines lokalen Weinhändlers hier in meiner bescheidenen Diaspora vor Ort. Der westlichste Weinberg Deutschlands. In meinen Rurgebiet. Ist doch schön, wenn man gleich noch auf einen Superlativ verweisen kann.

Und nun zur Geschichte des Weins von der Millicher Halde:

Wir schon erwähnt, liegen wir hier in einem ehemaligen Bergbaugebiet, dem Aachener Revier, mit den gleichen Höhen und Tiefen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen, die man überall aus dem großen Ruhrgebiet kennt. Eine Gegend, eine Gesellschaft im Umbruch. Bis in die 90er Jahres des letzten Jahrtausends wurde Steinkohle gefördert und dann war es auf einmal da, das Ende. Die Zechen wurden geschlossen, die Abraumhalden wurden sich selber überlassen oder begrünt, für die Menschen mussten und müssen neue Arbeitsplätze und Perspektiven geschaffen werden.

Weinberg auf der Millicher Halde
Und was gehört zum Bergbau wie der Flöz und die Brieftaubenzucht? Klar, der Kleingarten! In den 1980er Jahren hatte der Gartenverein der Zeche Sophia Jacoba die Idee, man könne doch auch einmal einen Wein anbauen und keltern, einen eigenen. Privater Weinbau ist in unserer Gegend sehr verbreitet, jeder kleine Gärtner vergärt seine Kirschen, Johannis- oder Stachelbeeren zu mehr oder weniger bemerkenswerten Obstweinen. Wieso also nicht auch mal Wein aus richtigen Trauben probieren? Und so wurden auf einem sonnenbeschienenen Abraumhang ein paar 100 Stöcke Müller-Thurgau und Riesling angepflanzt.

Das Ergebnis ging unter dem Namen "Millicher Fuchshalde" und mit den Worten "grad gut genug, um die Ameisen aus der Küche zu vertreiben" in die Annalen des lokalen Gartenwesens ein und wurde schnell wieder vergessen.

Bis im Jahr 2010 das ortsansässige weinverliebte Ehepaar Ines und Jürgen Batalia (siehe Bild oben) auf einem Spaziergang zwischen Buchenheistern und Brombeergestrüpp die verwilderten Reben fand. Seitdem ließ sie die Idee nicht mehr los, diesen verwunschenen Dornröschenweinberg wieder zum Leben zu erwecken.

Der russische Bär
Und sie machten sich gleich ans Werk.

Natürlich bekommt ein solches Projekt erst die richtigen Weihen und Wertschätzung, wenn es zunächst einmal an den Mühlen der lokalen Bürokratie zu scheitern droht. Fast hätte es nichts gegeben mit der Neuauflage des Millicher Rieslings, weil inzwischen auf dieser Abraumhalde der Russische Bär seine Heimat gefunden hat. Und der ist sozusagen unsere Antwort auf den gemeinen Feldhamster, dessen ursächliche Aufgabe es ist, alle geplanten Landwirtschafts-, Industrie- und Gewerbeprojekte bis zum Sankt Nimmerleinstag zu verzögern.

Aber die entschlossenen Neuwinzer nahmen die Hürde mit Bravour. Der Russische Bär, eine Schmetterlingsart, kann – wie man mittels eigens in Auftrag gegebenen Gutachtens bewies – in friedlicher Koexistenz mit dem Müller-Thurgau und dem Riesling existieren. Und auch die vorgeschriebenen oder für notwendig erachteten Pflanzenschutzmaßnahmen bedrohen ihn nicht in seinem Habitat.

Und damit es dem neuen Weinprojekt nicht so erginge wie seinem Vorgänger und man lediglich ein alkoholisches Ameisenvernichtungsmittel produziere, taten die mutigen Weinbaupioniere das einzig Richtige. Sie fragten jemand, der etwas von der Sache versteht. Christian Peth, Winzer aus dem rheinhessischen Bermersheim, hat sich der Sache angenommen, er berät die Batalias in allen Fragen der Weinbergsarbeit. Die Trauben, die am Niederrhein geerntet werden, werden umgehend zu ihm in das Weingut Peth-Wetz gebracht, wo sie von der Pressung bis Abfüllung verarbeitet werden.

La Geria
Die Weinbergslage wird als äußerst günstig beschrieben. Die Anzahl der Sonnenstunden ist vergleichbar der an Ahr und Mosel. Zudem speichert der kohlehaltige Untergrund tagsüber die Wärme und gibt sie nachts wieder an die Umgebung ab. Das sorgt für ein ausgeglichenes Mikroklima. Das weitere Gestein ist teilweise vulkanischen Ursprungs. Die Bodenbedingungen sind also ungefähr mit denen in La Geria auf Lanzarote zu vergleichen. Und dort gedeihen ja auch durchaus feine Weine. Das Durchschnittsalter der Rebstöcke von gut 20 Jahren wird ebenfalls als positiv bewertet.

Für die Weinbergsarbeit wurden Freunde und Bekannte rekrutiert und trotz einiger noch vermeidbarerer Probleme als die mit dem Russischen Bären wuchsen und gediehen die Reben auf das Prächtigste. Leider sind und waren die Batalias immer wieder mit Vandalismus und grobem Unfug konfrontiert. Schilder, die das Areal als Privatbesitz auswiesen, wurden regelmäßig gestohlen. Der Platz scheint als Chill-Location bei der örtlichen Jugend sehr beliebt, wovon Unmengen von leeren Imbissverpackungen, weg geworfenen Flaschen und Getränkedosen sowie Hinterlassenschaften zwischenmenschlichen Aufeinandertreffens zeugen. Zu der jedem Winzer bekannten Weinbergsarbeit kommt hier noch regelmäßiges Aufräumen und Saubermachen hinzu. Traurig, aber wahr.

Dennoch könnte diese Geschichte mit der Auslieferung des ersten, des 2013er, Jahrgangs der nun Glückauf-Riesling heißt, ihr Happy End haben. Und so kelterten sie jedes Jahr ihren Wein und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute … Aber jede gute Story hat vor ihrem Ende noch einmal eine unerwartete Wendung, ein retardierendes Moment, eine unüberwindlich scheinende Hürde, die ihre Helden überwinden müssen.

Der 2013er Jahrgang wusste zu gefallen und alle warteten gespannt auf den 2014er. Mild, feine Säure und eine interessante Mineralik, so beschreibt Ines Batalia den 2013er Riesling. Mit dem Wetter- und Reifeverlauf war man auch 2014 mehr als zufrieden und freute sich auf den neuen Wein.

Und nun das: Die 2014er Trauben wurden gestohlen. Die Arbeit eines ganzen Jahres dahin. Dieses "Geschäftsmodell" kennt man ja auch aus der Pfalz. Die Trauben wurden fachgerecht von den Stöcken geerntet, keineswegs also nur ein weiteres trauriges Beispiel des örtlichen Rowdytums. Und es müssen auch mehrere Ernter beteiligt gewesen sein, einer alleine hätte die Menge in einer Nacht nicht schaffen können. Nach einigen Artikeln in der örtlichen Presse meldete sich ein illegaler Pflücker, um zu Protokoll zu geben, dass ihm nicht klar gewesen sein, dass es sich bei diesen Trauben um Privatbesitz gehandelt habe. Es sei ja kein Zaun da gewesen und ein Schild habe auch nicht dagestanden. Ja, das war mal wieder geklaut.

Der 2015er ist nun wieder in trockenen Tüchern bzw. schon auf der Flasche und wir warten auf die Auslieferung. Das übrigens hat der Glückauf-Wein, dessen Etikett das klassische Bergmannssymbol Schlägel und Eisen ziert, mit den großen Bordeaux und Burgundern gemein. Die Zuteilung erfolgt nur einzelflaschenweise nach Voranmeldung und wer zu spät kommt, der bekommt nichts mehr.


Dieser Beitrag nimmt noch an der 96. Weinrallye teil, die in diesem Monat von Blog werk2 ausgerichtet wird. Dort sind auch alle Beiträge der anderen Rallyepiloten verlinkt. Bitte hier entlang.


Kommentare:

  1. Auch die Fertigstellung eines Flughafens weiß der gemeine Feldhamster geschickt zu verhindern.

    AntwortenLöschen
  2. Auch die Fertigstellung eines Flughafens weiß der gemeine Feldhamster geschickt zu verhindern.

    AntwortenLöschen

Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Dieses Blog durchsuchen

Follow by Email

Aus Küche und Keller

#kochtag (2) 180° Adventskalender (89) 180° der Film (2) 180° Fussballwette 14/15 (3) 180° Hauptversammlung (2) 180° Hauptversammlung 2012 (10) 180° reloaded (35) Aachen (3) Advent (3) Alemannia (3) alltagsküche (2) Alter (4) Amuse (6) Apfelsaft (1) Aquitaine (1) Aromen aus 1001 Nacht (16) ATK-Bloggeburtstag (5) auf die Schnelle (49) aus der Hand (47) aus Fluss und Meer (64) Australien (2) Auxerrois (1) Backen (5) Backhaus (3) Backtag (33) Baden (2) Barbarazweig (1) Barbier (2) Barrique (2) Bauanleitung (3) Beiwerk (33) bellet (1) BiB (1) Bierzo (1) Bio (5) Bistroküche (4) Blaufränkisch (1) Blauzungenmarathon (2) Bordeaux (27) Bourgeuil (1) Brot (5) Bruno (2) Buch (2) Buchmesse (1) Bullshitbingo (1) Burgund (4) Butter (1) Cabernet (1) Champagner (6) Chardonnay (14) Châteauneuf (1) Châteauneuf-du-Pâpe (1) Chicorée (1) CocaCola (1) Cote d'Azur (3) Côte d'Azur (2) Cotes du Rhône (1) Crémant (1) Cru Bourgeois (1) Currywurst (1) Cuvée (2) Dessert (38) Dessous (8) Diät (4) Dornfelder (3) Edelzwicker (1) Ei ei (6) Elsass (4) Endlich Frühling (47) Erben Spätlese (1) Erbsensuppe (2) Erdbeeren (1) Erntedank (42) Etikettentheorie (4) Federvieh (31) Ferien (1) Fern(k)östlich (19) Figeac (3) Film (2) Fisch und Krustentiere (2) Flüchtlinge (1) Fotoworkshop (2) Franken (2) Frankreich (13) Frankreich; Bistroküche (2) Freundschaft (2) Frühling (25) Frühstück (1) Fußball (8) Gargantua (1) Garmethode (1) Garnacha (1) Gebäck (8) Geflügel (4) Gemüse (7) Gemüsegarten (7) Geschenke (1) Gesellschaft (14) Getränk (4) Gewürzmischung (1) Gewürztraminer (9) Grauburgunder (2) Graves (1) Grenache (2) Grundrezept (2) Grüner Veltliner (2) Heidschnucke (2) Herbst (42) herzhaft (19) Hipster (1) Hochbeet (1) Holland (2) Hörncheneisen (1) Hühnersuppe (2) Iris (1) Italien (10) Jahresrückblick (1) jetzt wird's Wild (19) JSDEDBDW (1) Jugend (1) Kamptal (1) Karneval (1) Käse (17) Keller (3) Kindheitserinnerung (11) Klimawandel (1) Kobler (3) Kofler (1) Köln (1) Kork (1) korrespondierende Weine (37) Kuchen (1) Küchenklassiker (48) Küchentechnik (14) Kunst (4) Lachs (1) Lafite (1) Lagrein (1) Lambrusco (1) Lamm (8) Landwirtschaft (1) Le Mirazur (1) Lebensmittelproduktion (4) Lemberger (1) Lichine (1) Limonade (1) Löffelweise (48) Loire (1) Loriot (1) Madiran (1) Mais (2) Mallorca (2) Märchen (6) Margaux (1) Marsanne (1) Mencia (1) Menu (15) Menü (104) Mercurey (1) Merlot (2) mindestens haltbar bis... (20) Mittelrhein (1) Mosel (4) Mourvèdre (2) moussierend (4) Müller-Thurgau (2) Naturwein (1) Neujährchen (3) Neuseeland (2) nichtFischnichtFleisch (94) Niederlande (3) Niederrhein (1) Nikolaus (4) nizza (1) norddeutsch (1) nur so (29) nur so... (74) OBÜP (1) Oma (6) Oper (3) Orange Wine (1) Osterbrunch2012 (9) Ostern (11) Österreich (6) Parker (1) Passito (1) Pasta (46) Pavie (1) Perlhuhn (1) Pfalz (7) Picknick (13) Pinot Grigio (2) Pinot noir (1) Pinotage (2) Plätzchen (3) Playboy (1) Port (2) Portugal (4) Primeur (1) Primitivo (1) Priorat (2) Prosa (1) Prosecco (1) Provence (9) Punk (2) Raclette (1) Rebholz (1) regional (1) Restaurant (5) Reste (6) Retsina (1) Rhabarber (1) Rheingau (5) Rhône (3) Rieslaner (3) Riesling (27) Rind (4) Rindvieh (47) Risotto (2) RoeroArneis (1) rosa (2) Rosé (7) Rotwein (6) Roussanne (1) Roussillon (1) rückwärts garen (1) rund ums Mittelmeer (65) Saar (1) Saft (1) Saison (1) Salat (4) Saucisse de Morteau (1) Sauternes (2) Sauvignon blanc (5) Sauzet (1) scharf (4) Schatz (1) Schuhe (1) Schweinerei (24) Seelentröster (4) Sekt (6) Shiraz (3) Silvaner (2) Silvester (2) Sirup (1) Skrei (1) Sommelier (5) Sommer (56) Sommerküche (85) Sommerpicknick2012 (9) Sommerwein (8) Sonntagsbraten (19) Sorbet (3) Souldfood (1) Spanien (3) Spargel (1) sparkling (2) Spätburgunder (4) St. Emilion (3) St. Estèphe (1) St. Julien (1) St. Peter Ording (1) St.Estèphe (3) Stein (1) Steinlaus (1) Subskription (1) Südfrankreich (1) Südtirol (9) Suppe (7) Süßstoff (84) Süßwein (9) Syrah (5) take 5! (9) Terroir (1) Test (1) Theater (1) Tomate (11) Tomtenhaus (1) Torte (1) Toskana (1) trocken (1) Trollinger (1) Trüffel (3) Tulpen (1) Urlaub (15) vegetarisch (11) vendredisduvin (1) vermouth (1) Vinho Verde (1) Vinocamp (1) Vitamine (2) vom Grill (22) Vorspeise (86) Walch (1) Wanderhühner (1) Weihnachten (10) Weihnachtsmenü (35) Weihnachtsmenü2010 (4) Weihnachtsmenü2011 (7) Weihnachtsmenü2012 (5) Weihnachtsmenü2013 (4) Weihnachtsmenü2014 (5) Weihnachtsmenü2015 (4) Weihnachtsmenü2016 (6) Weihrauch (6) Wein (26) weinfreak (1) Weinmärchen (2) Weinrallye (56) Weißburgunder (2) Weißwein (5) wermut (1) Westerhever (1) Wichteln (3) Wien (2) Wiesn (4) winepunk (1) Winter (44) Winterküche (94) Winzer (1) Wuppertal (1) Würrtemberg (5) Württemberg (7) Zinfandel (2) Zitrone (4) Zukunft (1) zwischen Küste und Alpen (203)