Freitag, 29. April 2016

Über den Dächern von Nizza - Weinrallye #97



Ich bin eine treue Seele.  Wenn ich jemanden oder etwas liebe, dann hält das ein Leben lang.

Zum großen Leidwesen von Herrn susa betrifft das auch Filme, die ich schon in meiner Jugend geliebt habe. Und die ich immer wieder sehen muss. Wann immer mein all time favourite "Casablanca" im Fernsehen gezeigt wird, bin ich dabei. Natürlich kann ich sämtliche Dialoge sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch fehlerfrei nachsprechen ("What's your nationality?" – "I'm a drunkard!" – "That makes Rick a citizen of the world!").

Ein anderes cineastisches Must ist "Über den Dächern von Nizza!" (To catch a thief), das allerdings über weite Strecken im benachbarten Cannes spielte. Die Villa von John Robie (dem hinreißenden Cary Grant) liegt übrigens in der kleinen Gemeinde St. Jeannet in der Rue de Saint-Jeannet Nr. 335 (entspricht der Départementale Nr. 18). Falls jemand mal wegen eines Fotos vorbei fahren möchte. 



Auch die berühmte Picknickszene spielt nicht in Nizza. Das elegante Cabrio der hochnäsigen Frances steht auf dem Gemeindegebiet von Beausoleil, oberhalb von Monaco. Dort, wo die spätere Gracia Patricia dem kleinen Fürstentum ihren Glamour verleihen sollte. Der typisch französisch-martialisch klingende Name der Straße ist "Avenue des Anciens Combattants d'Afrique du Nord". Den ernüchternden Anblick wie das heute dort aussieht erspart Euch lieber.

Auch einen anderen Anblick oberhalb von Nizza liebe ich, ganz ohne Film, dafür schon seit Jahren.

Bild freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: Château de Bellet
Oberhalb Nizzas liegt nämlich eines der kleinsten Weinbaugebiete Frankreichs, wahrscheinlich sogar der Welt: Bellet.

Die offiziellen Zahlen von 2012 (neuere habe ich nicht, inzwischen wird allerdings nur unwesentlich mehr an Fläche und einige Mikroweingüter hinzugekommen sein) besagen, dass die gesamte Rebfläche knapp 40 ha beträgt. Da drängen sich vielleicht ein paar Vergleiche auf, z.B. mit Château Mouton Rothschild in Bordeaux, welches alleine über mehr als 80 ha verfügt und damit mehr als doppelt so viel Fläche sein eigen nennt, wie die gesamte Appellation. Der Gesamtausstoß liegt bei ca. 1.000 hl Wein pro Jahr und etwa 120.000 Flaschen, verteilt auf 12 Winzer. Das sind nach Adam Riese 10.000 Flaschen pro Winzer und da kann sich jeder ausrechnen, dass man damit nicht weit kommt. Das erklärt dann auch die Preise, einen Bellet unter 10€ habe ich noch nie gefunden, 12€ sind das absolute Minimum, das ein Winzer dort aufruft.

Der Weinbau dort geht so wollen einige Historiker nachgewiesen haben, bereits auf die Phoker zurück. Diese griechischen Seefahrer besiedelten bereits im 7. Jahrhundert vor Christus die französische Mittelmeerküste. Am bekanntesten aus dieser Zeit ist die Gründung der Stadt Marseille, damals Massalia genannt.

Folle noire
Im 18. Jahrhundert gehörte das Gebiet den Grafen von Bellet, denen es auch seinen Namen verdankt. Seit dieser Zeit wurde der Weinbau dort systematisch betrieben. Seit 1941 darf es die Bezeichnung AOC (Appellation d'Origine Controlée) tragen. Das bringt einige Vorschriften mit sich, was die eingesetzten Rebsorten, die Alkoholgrade und die Höchsterträge angeht. Dazu gehört unter anderem die aus dem Jurançon bekannte recht seltene rote Rebsorte Folle noire, eine kleinbeerige, spät reifende Sorte, sowie die Braquet noir. Insgesamt unterscheidet sich der Rebsortenspiegel stark von dem der Nachbarappellation Provence.

Natürlich weiß man auch im Bellet, dass Hinweise auf Steillage, kleine Fläche und kostendeckende Preise keinen Käufer zur Anschaffung auch nur einer Flasche bewegen würden. Da muss schon die Qualität in der Flasche für sich sprechen. Denn über bekannte und glamouröse Namen, die sich quasi von selbst verkaufen, verfügt die Appellation auch nicht. Viele Winzer haben zusätzlich noch (oft in der Nähe des Weinbergs) Olivenbäume oder Gemüse- und Kräuterpflanzungen. Diese Umgebung, so heißt es, wirkt sich sehr wohltuend auf die Weine aus.

Schnitt durch das Gestein.
Bild freundlicherweise zur Verfügung gestellt von Ch. Bellet
Die für die Qualität unabdingbaren geografischen Verhältnisse sind ebenfalls gegeben: Die Steillagen, fast ganz nach Süden ausgerichtet mit Blick auf das schöne Mittelmeer und die Promenade des Anglais, haben der AOC Provence gegenüber entscheidende Vorteile. Da ist einerseits der felsdurchsetzte teilweise leicht schwefelhaltige Boden, der die Reben zwingt, tief nach Wasser graben. Andererseits bilden sich in den Felsspalten Nebel, die die Reben mit Feuchtigkeit versorgen und für relativ kühle Nächte sorgen. Tagsüber kann es ganz schön heiß werden, im August macht man da nicht unbedingt mittags ein Picknick zwischen den Rebzeilen. Allerdings, je höher, desto kühler wird es.

Das (relativ) bekannteste und auch größte Gut ist das Château de Bellet. Seinem Rotwein, einer Cuvée aus eben jener Folle noire (70%) und Grenache (30%) wird ein Lagerpotenzial von bis zu 30 Jahren nachgesagt.

Der letzte Jahrgang, den ich verkosten konnte, war der 2011er. Der Wein war dicht rot, ganz ähnlich einem Bandol, allerdings mit mehr Fruchtaromen, vor allem Beerenaromen ausgestattet. Dazu feine orientalische Gewürze wie Zimt, Kardamom und getrocknete Zitrusfrüchte. Straffes Tannin, klare dabei dezente Holzwürze und eine angenehme Säure gaben ihm Struktur und Kraft.

Allianz Riviera
Falls es jemand in diese Ecke verschlägt, dann kann ich nur empfehlen erstens der Route du vin de Bellet zu folgen, die aus Nizza heraus in Richtung Nordosten führt. Am besten der Autobahn Richtung Italien folgen, da gibt es eine entsprechende Ausfahrt. Für die Fußballfans: da kommt man auch am Stadion des OGC Nice vorbei, das den Münchenern sicher bekannt vorkommt. Allianz Riviera, nachhaltige Architektur, sogar die Pläne sind recycelt. Die Route führt an fast allen Weingütern vorbei. Wo man einkehren möchte, empfiehlt es sich, vorher telefonisch einen Termin auszumachen.

Und nicht meckern, dass die meisten einen kleinen Obulus für die Proben verlangen. Ich finde das vollkommen gerechtfertigt, angesichts der wenigen Mengen, die produziert werden. Da können sich die Winzer schlicht nicht leisten, noch viel wegzuschenken.

Besonders angetan haben es mir auch die Weißen der Domaine de la Source, aus der Rolle, wie dort unten allgemein der Vermentino genannt wird. Die Domaine arbeitet seit ungefähr 10 Jahren biologisch zertifiziert. Der Weißwein zeichnet sich durch eine angenehm trockne Frische, leichte Zitrusaromen und feine floralen Noten aus.

Man darf ja eigentlich nicht Terrassenwein sagen, verlangen die Nerds. Aber genau das ist er: ein richtiger Terrassenwein. An einem Abend nach einem heißen Sommertag kommt er so kalt ins Glas, dass es ordentlich beschlägt. Und dann wird er langsam wärmer und man schmeckt zuerst zart und dann kräftiger die feinen Aromen und riecht den angenehm würzigen Duft.

Und dann sieht man sie, die Dächer von Nizza, die Ausläufer der Seealpen, die Pinien- und Korkeichenwälder und man hört Frances sagen: " So this is where you live? Oh, Mother will love it up here!"

Und jetzt, Taschentuchfilmaddicted, bitte, ohne googeln, woher stammt: "I am glad it cannot happen twice, the fever of first love. For it is a fever, and a burden, too, whatever the poets may say."

Dieser Beitrag nimmt an der 97. Weinrallye teil, einem monatlichen Blogevent, bei dem Blogger zu einem vom Rallyegastgeber festgelegten Thema schreiben. Jeder kann und soll mitmachen. Für diesen Monat hat Stefan Schwytz vom Blog baccantus (der mit diesen tollen T-Shirts :-) ) aufgerufen. Am Ende der Rallye wird Stefan alle Beiträge in seinem Blog vorstellen, so dass man sich wie bei einer Rallye von Beitrag zu Beitrag weiterarbeiten kann.





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