Donnerstag, 10. März 2016

Mittwoch am Niederrhein



Mittwoch ist der wichtigste Tag in meiner Woche. Mittwochs kommt nämlich Frau G. Ohne Frau G. wäre unser Haushalt längst im Chaos versunken und der Staub würde sich millimeterdick auf den Möbeln niederlassen. Und die Fugen zwischen unseren strahlend weißen Bodenfliesen würden wieder ins schmutzig grau-bräunliche changieren.

Dem sei aber Frau G. vor, die jedwedem Schmutz mittwochs mit ihren Lieblingswaffen, der groben Wurzelbürste und Scheuermilch unerbittlich zu Leibe rückt. Neuere Errungenschaften der Haushaltshygiene, vor allem wenn "Zisch" oder "Bäng" auf der Flasche steht, erachtet sie als überflüssigen Schnickschnack.

Und ich? Ich steh bei diesen geballten Aktivitäten nur im Weg rum. Obwohl sie inzwischen ein ausgeklügeltes System entwickelt hat, um mich herum zu putzen, bzw. mir immer wieder kleine Reservate zu schaffen. Aber wer kann bitteschön pfiffige Artikel schreiben, wenn sich hinter einem der Staubsauger mit höllischem Getöse die Milben reinfrisst. Und Frau G. alle Stühle auf die Tische stellt. Und die Teppiche umklappt.

Und weil es vor Frau G.s Erscheinen noch zu früh für Mittagessen ist und nach ihrem segensreichen Wirken einerseits zu spät ist und andererseits, wer will schon eine strahlende und nach Scheuermilch duftende Küche gleich wieder durcheinanderbringen, habe ich mir angewöhnt, mittwochs aushäusig zu essen.

Da ist in unserer beschaulichen Kleinstadt die Auswahl übersichtlich. Ein Bistro mit vernünftiger Küche und "der Elsässer" bieten einen regelmäßigen Mittagstisch. Meistens gehe ich zum Elsässer. 



Assiette alsacienne
Schließlich muss man sie unterstützen, die Restaurants, die noch anständige bürgerliche Küche bieten jenseits von Schnitzel und Pommes durch die Fritteuse gezogen. Vor allem, wenn die auch elsässische und allgemein französische Komponenten beinhaltet. Da darf man nicht gleich die paar Convenience-Produkte bemäkeln, sondern sich fragen, wie wohl ein Menu du Jour für 8.90€ aussähe, wenn nicht mal mit einem Tütenrösti oder gekauftem Eis nachgeholfen würde. Dafür bekommt man hin und wieder Boudin, Rognons à la moutarte (bei denen man den guten Dijon-Senf aus der Sauce herausschmeckt), Baeckoeffe, Sauerbraten und Rouladen vom Pferd und Schnitzel vom Fohlen, die Steinpilz-, Gänse-  und Spargelzeit wird getreulich eingehalten und im Winter gibt es Moules frites. Und eine feine Terrine de lapin steht immer auf der Vorspeisenkarte.

Der Koch ist Elsässer und wurde von einer hier ortsansässigen Damen a) geheiratet und b) nach Deutschland umgesiedelt, was die Dame anscheinend der Notwendigkeit enthob, eingehend Französisch zu lernen. Deswegen ruft sie ihren Gatten, der auf den klangvollen Namen Thierry hört, "Tirri". Tirri hat sich wohl dran gewöhnt, kultiviert aber – wie die meisten Auslandsfranzosen – seinen französischen Akzent auf äußerst charmante Art. Im Gegenzug sprechen die Gäste ihren schönen elsässischen Nachnamen Oberlin (sprich: Ohberläng) fein deutsch Oberliehn aus. "Tach Frau Oberliehn, Sauwetter heute wiedda, wa?"

Leider waren Tirris Ambitionen, gute elsässische Weine am tiefen Niederrhein zu etablieren, nicht von Erfolg gekrönt. So schrumpfte die Weinkarte von Jahr zu Jahr und besteht inzwischen nur noch aus elsässischen Basisqualitäten. Darüber hinaus ziert ein einfacher Roter von der Rhône und ein Bordeaux die Weinkarte. Ich glaube, wenn ein Franzose im Ausland ein Restaurant betreibt, dann ist es wohl eine Frage der Ehre, dass er einen Bordeaux auf der Karte hat. Allerdings bekommt man auch Picon (das Lieblingsgetränk meiner seligen Schwiegermutter), hier gerne mit Bier verschnitten, elsässisches Bier (Kronenbourg – also ich mag das), Cidre und Orangina. Alles in allem, ein kleines Stück Frankreich am Niederrhein.

Das Storchenglas. Darin allerdings kein Edelzwicker.
Und hier hab ich ihn endlich gefunden. Einen Edelzwicker, der sich mit Spaß trinken lässt. Gesucht habe ich lange genug, Ihr erinnert Euch? Übrigens serviert in zarten mundgeblasenen Gläsern mit Storchenmotiv und grünem Glasfuß. Da ich langsam in den gehobenen Status des Stammgastes befördert zu werden hoffe (was viele Mittwoche dauern wird), werde ich demnächst einmal verhandeln, ob ich ein solches Glas käuflich erwerben kann.

Natürlich ist ein Edelzwicker jetzt nichts, was das Herz eines vinophilen Ästheten höherschlagen lässt, aber sagt selbst, was passt wohl besser zu einem Elsässer Teller, den ich letzten Mittwoch gegessen habe? Das ist hier gepökelter Schweinebauch und Mettwurst mit Sauerkraut und Kartoffeln und auf der Karte stehen Gottseidank nicht so enigmatische Kürzel wie Schwein | Kartoffel | Kohl. Zurück zum Edelzwicker, der ist ausnehmend trocken, knackig, hat ordentlich Säure und spart ein wenig an Aromen, trinkt sich aber einfach so weg.

Bild vom Wein hab ich leider keines, denn ich hab den aus dem Offenausschank bekommen, weiß nur, dass es eine Literqualität einer Genossenschaft ist. Und da er – wie Madame sagt –ihr Lieblingswein ist, ist auch der neuste Jahrgang verfügbar. So ein Edelzwicker ist ja auch nichts für die Ewigkeit. Ich gelobe, beim nächsten Mittwochsbesuch frage ich nach dem Erzeuger und trage den hier nach.

Bis dahin lass ich Euch noch ein kleines Rezept da. Eine wunderbare Resteverwertung mit elsässischem Touch.

Kartoffelpuffer mit gebratener Blutwurstscheibe
(für 4 Puffer – entweder als kleine Vorspeise für 4 Personen oder als Hauptgericht für eine Person)

ca. 250 g Reste vom Kartoffelpüree oder Kartoffelstampf
1 Ei
1 EL Mehl und etwas Mehl zum Bestäuben der Blutwurst
Salz, Pfeffer, Muskat
Majoran
Paniermehl
4 Scheiben Blutwurst, ca. 1 cm dick
1 säuerlicher Apfel (gut passt Boskop)
1 mittelgroße Zwiebel
Butterschmalz



Zubereiten:
Aus dem Kartoffelpüree, Ei, Mehl und den Gewürzen (an denen man nicht sparen sollte) einen geschmeidigen Teig kneten und in vier Teile teilen. Daraus kleine Küchlein formen und in Paniermehl wälzen. Küchlein in reichlich Butterschmalz ausbraten bis sie goldbraun sind. Die Blutwurstscheiben in Mehl wälzen und in einer zweiten Pfanne in Butterschmalz nicht zu heiß knusprig braten. Die Zwiebel schälen und in mitteldicke Ringe schneiden, den Apfel schälen und in feine Schnitze schneiden, die sollten an ihrer dicksten Stelle auch nicht viel dicker sein als 1 cm. Beides in die Pfanne zu den Blutwurstscheiben geben und mit braten lassen, Äpfel mit ein wenig Majoran bestreuen. Bratgut einmal wenden.

Anrichten:
Kartoffelküchlein auf den Teller geben, zunächst die Blutwurstscheibe darauflegen, dann die Apfelschnitze und die Zwiebeln.

Dazu passt, natürlich, ein Edelzwicker, aber auch ein Pfälzer Riesling. Nur nix Hochtrabendes, Kabinett reicht.

Bemerkung:
Wenn kein übriges Kartoffelpüree zur Hand ist, muss man halt eines aus zwei bis drei großen Kartoffeln machen. Dann muss man ein wenig warten, bis es etwas abgekühlt ist, bevor man weiterarbeiten kann.


Und für diejenigen, die es wirklich und wahrhaftig einmal in unsere gottverlassene Gegend verschlägt und die eine ordentliche Mahlzeit brauchen, hier noch Tirris - wie man in Frankreich sagt - Koordinaten: 

Königsstuben "Der Elsässer"
Kirchstraße 6
41812 Erkelenz

Telefon: 02431 2545


Es gibt sogar eine Webseite, aber die hat sich seit Menschengedenken keiner mehr angeschaut ;-) :
www.koenigs-stuben.com


Kommentare:

  1. Witzig! Mittwochs kommt auch bei uns der Putzmann Sascha. Damit wir ihm nicht im Weg sind, gehen wir frühstücken. Und weil wir das bei jedem Wetter machen (müssen) und schon relativ früh am Tag, nennen wir das "den Hund ausführen", auch wenn wir gar kein Haustier haben.

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    1. Wirklich witzig, wie die Reinungsbrigade gleichzeitig für Umsätze in der Gastronomie sorgt. Sowas nennt man dann Verbundwirtschaft, oder ;-)Neben mir sitzt da auch meistens ein älterer Herr auf der Flucht vor seiner "Frau S."

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  2. bei uns ist freitags putztag, v verzieht sich ins büro, ich mache die einkäufe fürs weekend, der kater verkriecht sich unterm tisch, damit wir iza nicht auf den füssen und im weg rumstehen.

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    1. Ich kann die Damen ja auch nicht verstehen, die mit ihrem Reinigungspersonal zusammen putzen. Freitags wäre in der Tat ein günstigerer Tag, da ist bei uns Markt, da wäre ich dann sowieso beschäftigt.

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  3. Ich hab's getan, ich habe mir die Webseite angesehen!
    Werde mich nun für den Rest des Tages dem Alkohol ergeben. Edelzwicker, Riesling, alles egal.

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    1. Vielleicht sollte ich noch eine Webseitentheorie etablieren. Je unprofessioneller die Webseite, desto netter der Koch. #judwdndk

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