Freitag, 30. Oktober 2015

Weinrallye #91: Geschmack ist nicht alles ...



.... aber ohne Geschmack ist alles nichts?

Gepfiffen! Heutzutage geht es schon lange nicht mehr nur um Geschmack. Geschmack ist was für degustatorische Analphabeten, für Leute, die Worte wie "lecker" benutzen, das ja schon zum Unwort des Jahres ausgerufen wird. Für Leute, die sich mit Spaß und Genuss durch viele Weine getrunken und Restaurants gegessen haben, durch das, was ihnen schmeckt. Ja, Leute, wo lebt Ihr denn?

Egal ob beim Wein, beim Essen oder bei der Kleidung. Halb durchgegorenes Zeugs wird gefeiert wie der neue Messias, fermentierte Tannenzweige sind der neue Trüffelschaum und der Sommelier (sieht aus wie eine Mischung aus Holzfäller und Bahnhofspenner mit deutlich besser manikürten Fingernägeln) gibt keine Trinkempfehlung sondern Dir "auf die Fresse!".

Und überall gibt es nur die "MUST",  haben müssen, so und nicht anders sein müssen. Mitreden können müssen. Anders sein müssen um jeden Preis. Anders als wer oder was? Ach egal. Hauptsache, es knallt.

"Der Wein ist alles! Sie sind nichts!" schrieb neulich die Galionsfigur der Bewegung, Billy Wagner, und alle riefen "Folgt dem linken Schuh!". Nein sorry, ich bin in der Story verrutscht. "Ja!" riefen sie "Ja, gib's mir, Billy!", "Richtig so!"  Irgendwo glaube ich auch ein "Billy, ich will ein Kind von Dir!" gehört zu haben. Kann mich aber irren.

Der Winzer muss mindestens Mitglied in der facebook-Gruppe "Alles über Wein!" sein, gerne auch noch weinesotherischen Zirkeln angehören und brutal Orange produzieren und Natural und – anders. In jedem Fall anders. Ein wenig erinnert es mich an meine Jugend, als ein unverrückbares Qualitätskriterium für gute Musik die Tatsache war, dass keiner die Musiker kennt. Zu bekannt = Mainstream = kommerziell! Der Winzer produziert mehr als 10.000 Flaschen im Jahr? *tztztz Hoffentlich bekommt sein Wein nicht noch über 90 falstaff-Punkte, das wäre wahrscheinlich sein gesellschaftliches Aus in der Szene.

Übrigens: Orange, für die unter uns, an denen der Kelch bisher vorbei gegangen ist, das sind Weißweine, die genauso produziert werden wie Rotweine, also in langem Kontakt mit der Maische vergoren. Dadurch lösen sich in den Schalen vorhandene Farbstoffe und können dem Weine eine satte Orangefärbung und höhere Gerbstoffanteile verleihen. Es gehört nicht zu den Kennzeichen von Orange Weinen, dass sie biodynamisch oder sonst wie bio oder "natürlich" erzeugt wurden. Das schadet aber auch nicht. Und irgendwie gehen auch alle davon aus, dass es so ist.

So weit, so gut. Es gibt gnadenlos gute Orangeweine voller unerwarteter intensiver Aromen, tiefgründig und faszinierend. Es gibt aber auch ... geschenkt. Es kann nicht sein, was in der Hipsterdenke nicht sein darf. Und außerdem trinkt man den Wein ja nicht oder wenigstens nicht nur, weil er einem schmeckt, sondern der Konsum ist eine aufrechte identitätsstiftende Tat. Und man hat sich gefälligst damit auseinanderzusetzen. Da kann man ja wohl mal auf so ein bisschen Geschmack verzichten.

Wein soll demokratischer werden, so steht es auf den Fahnen der neuen Bewegung. Er soll aus den Elfenbeintürmen der Verehrung herausgeholt, aus den elitären Altherrenzirkeln befreit und als Getränk für jedermann salonfähig gemacht werden. Die Berührungsängste sollen abgebaut und die Deutungshoheit der alten Weinschreiber und –händler soll durchbrochen werden. Gut so!

Aber ist das wirklich der Fall?

Will nicht eigentlich nur ein inner circle den anderen ablösen und gibt sich dazu ein eigenes Regelwerk. Jetzt ist es nicht mehr die wertkonservative obere Mittelschicht, die den Bordelaiser Cru zum gediegenen Rehbraten serviert. Jetzt sind es die hippen Szenegänger, die den Wein als Distinktionsmerkmal entdeckt haben. Koks ist ja so 90er. Und kiffen tun schon die Grundschüler. Wir trinken. Ach Quatsch, wir saufen! Und feiern uns! Wir sind ja so hip!

Übrigens morgen wird wieder eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Craft Beer steht schon in den Startlöchern. Ach was Startlöcher. Es ist bereits in der Mitte der Bewegung angekommen.

Ich bin froh, dass es in meiner beschaulichen Provinz noch nicht so aufgeregt zugeht. Mein Weinkeller ist gut gefüllt, mit leckeren (jawoll!, jetzt extra) Weinen. Es sind auch ein paar Orange Wines dabei. Warum? Weil sie mir schmecken. Aus keinem anderen Grund.

Heute Abend öffne ich eine Flasche (nicht orange, der ist rot)

2004 Petit Bocq
St. Estèphe

des seit 1993 erfolgreich arbeitenden ehemaligen belgischen Mediziners Gaëtan  Lagneaux. Er hat sein Herz an ein kleines Dörfchen in St. Estèphe verloren und sein ehemaliges Feriendomizil peu à peu zum Weingut umgebaut. Die Rebflächen liegen in kleinen manchmal nur wenige Quadratmeter großen Stücken durch die gesamte Appellation verstreut, größere zusammenhängende Parzellen gibt es dort halt nicht mehr zu kaufen oder zu pachten. So aber ist eine Flasche Petit Bocq eine wunderbare Reise durch das gesamte Anbaugebiet.

Der 2004 muss ein wenig atmen, dann zeigt sich eine einladende Nase holzwürzig und beerenfruchtig (schon alleine für diesen Satz würde mich die oben erwähnte Meute vor die Türe setzen, aber sei's drum). Dichtes dunkelrot mit violetten Reflexen, würzig, ein wenig brombeerkratzig, Pfeffer und Mokka, Zedernholz und Bitterschokolade. Rustikal ohne plump zu wirken, ein ordentlicher Estèphe, wie er sein soll.

Schmeckt! Lecker!

Dieser Artikel nimmt an der aktuellen Weinrallye teil, die in diesem Monat von den Kollegen des Weinforums unter Leitung von Gerald (Ihr erinnert Euch, der mit dem Weihrauchstollen) organisiert wird. Dort werden auch alle Beiträge am Ende der Veranstaltung zusammengefasst.

Kommentare:

  1. Wunderschön von der Seele gerollt, dieser Dein Beitrag. Ich öffne heute abend darum zu Deiner Ehre - und wohl der nächster Sau, die durchs Dorf getrieben wird - enen Petit Bocq 2005. Nach vier kommt doch fünf, oder? Zum Wohl. schweizerisch sagt man: en Guete!

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  2. Der Name ist Programm ... grins, auch mein Keller ist mit "leckeren" Weinen gefüllt. Da ich Trends meist erst bemerke wenn sie eh vorbei sind ... kümmern sie mich nicht ;-)
    Schöner Artikel, mit wunderbar spitzer Feder geschrieben!
    Liebe Grüsse aus Zürich (huch, noch ein Schweizer!),
    Andy

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  3. Schöm geschrieben! Nach einigen Menüs mit reiner Orangewein-Begleitung sehe ich das Verhältnis von "lecker" zu grauslich so circa 2:8. Im Keller habe ich keinen einzigen, dafür aber immer mehr Bio-Weine, auch wenn sie gar nicht als solche deklariert sind.

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