Freitag, 28. August 2015

Weinrallye #89 - Sommerlaune Rosé oder was mir derzeit die Laune verhagelt



Es ist Sommer!

Ich sitze auf meiner Terrasse und blinzle in den lichtblauen Himmel. Kein Wölkchen regt sich, träge summen ein paar Hummeln durch die reifen Weintrauben. Die Luft duftet nach reifen Äpfeln und zarten Malven.

Vor mir liegt eine Flasche André Clouet Champagne brut rosé, im eleganten Kühler auf sacht klirrende Eiswürfel gebettet. Der erste Schluck rinnt schmeichelnd und weich perlend über meine Zunge. Ich genieße den wunderbar weichwürzigen Duft, die Aromen von frischen Beeren, Kirschen, Zitrusnoten, Rauch und Hefeweißbrot.

Ich schließe die Augen und atme träumerisch ein.


Und wieder schiebt sich ein anderes Bild vor meine Augen. Auch hier dominiert die Farbe rosa. Im Mittelmeer treibt die Leiche eines Mädchens, vielleicht 10 oder 12 Jahre alt. Sie hat ihr rosa Balletröckchen über ihre hellgrüne Hose gezogen, wie es so viele kleine Mädchen machen, die morgens pink von Kopf bis Fuß in den Kindergarten oder in die Schule gehen.

Dieses kleine Mädchen musste sich auf einen anderen Weg machen, sich in die Hand von skrupellosen gierigen Schleusern begeben, denen ein Menschenleben einen Fliegenschiss gilt. Und es ist nicht in der Sicherheit angekommen, es gab kein neues, friedliches Leben. Es wurde mit vielen, viel zu vielen anderen verängstigten, enttäuschten, verlassenen Menschen in ein nicht seetüchtiges Boot gepfercht und seinem Schicksal überlassen.

Der Champagner würgt mich im Hals, wenn ich dann lese, welche hasserfüllten, Menschen verachtenden Kommentare unter diesen und ähnlichen Bildern zu lesen sind. Mit welcher sadistischen Schadenfreude sich empathielose dumpfhirnige braune Kackbratzen an solchen Bildern aufgeilen und sich mit dem Erfinden von Qualen für diese Ärmsten der Armen überbieten.

Noch mehr erschrecken mich allerdings die "normalen" Bürger, die Wochenendautowascher und Samstagsrasenmäher, die ihrem Fußballclub die Treue Halter und mit den Enkeln in den Zoo Geher, die "das wird man ja wohl noch sagen dürfen"-Sager, die kein Nazi sind, aber ... die mit unverhohlenem Hass den Ärmsten der Armen nicht einmal mehr das Schwarze unter den Fingernägeln gönnen.

Und der Champagner, von dem eine Flasche ungefähr viermal soviel kostet, wie einem Flüchtling am Tag zum Leben zugestanden wird, bleibt mir endgültig im Hals stecken.

Wieder höre ich sie, die Welterklärer. Die Politik habe versagt und da brauche man sich nicht zu wundern. Hat sie - auf der ganzen Linie. Ich schäme mich, wenn ich sehe, wie hoffnungslose, verzweifelte Menschen mit Tränengas von stacheldrahtbewehrten Grenzen vertrieben werden, wie tollwütiges Vieh. Und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass nicht wenige Politiker, auch und vor allem jene mit dem C im Parteinamen, die rechtsterroristischen Ausschreitungen mit klammheimlicher Genugtuung sehen. Die blöden Nazis erledigen halt die Drecksarbeit. Und ebenso klammheimlich sind sie erleichtert über jeden ertrunkenen Flüchtling und atmen auf; der macht dann hier schon keine Arbeit und kostet kein Geld.

Aber selbst die allerverfehlteste, zynischste und menschenverachtendste Politik ist keinerlei Rechtfertigung für derartig hirnloses, herzloses, gieriges, geiziges, schändliches Verhalten der angeblich so besorgten Bürger. Sorgen und Ängste ernst nehmen? Sorry! Ich kann diese egoistischen kleingeistigen Biedermann-Brandstifter nicht ernst nehmen. Und ich möchte sie auch nicht – wie es im Gutdasswirmaldrübergesprochenhaben-Deutsch so nett heißt – da abholen, wo sie sind. Die sollen bleiben wo sie sind, sollen sie doch an ihrem Geiz und ihrer Wut ersticken.

Selbst unser Papst, der doch sonst für harte, offene und laute Worte steht, ist verdächtig ruhig. Der windet sich gerade lieber um wieder verheiratete Geschiedene rum. Wenn Du meinst, Franz ...

Wir stehen derzeit alle in der Verantwortung, uns eindeutig zu positionieren. Unsere Stimmen gegen die hohle Brut zu erheben, zu helfen, wo und wie wir können. Zu zeigen, dass wir nicht die Minderheit sind, dass Deutschland nicht das "empathielose Pack" ist, als das Til Schweiger den pöbelnden Mob vollkommen zu Recht bezeichnet hat.

Das empathielose Pack hat nun wirklich genug Raum hier bekommen, mehr als es jemals verdient hat. Lieber zeige ich noch die andere, die freundliche Seite, die einem den Glauben an die Mitmenschen zurück gibt.

Deswegen ist mein Beitrag zur Weinrallye (in diesem Monat unter der Gastgeberschaft von Juliane Gassert vom Blog Einfach Wein)  auch gleichzeitig und vor allem ein Beitrag zu #bloggerfuerfluechtlinge, einer Initiative der Blogger Stevan Paul, Nico Lumma, Karla Paul und Paul Huizing. Sie sammeln Spenden und informieren, wo und wie man im Einzelnen helfen kann.

Die Seite Wie kann ich helfen? unter anderem unterstützt von Hans Sarpei, sammelt, überprüft und veröffentlicht Informationen zu Hilfsangeboten und Initiativen.

In diesem Artikel der ZEIT kann man konkret überprüfen, wie man richtig und sinnvoll hilft, einfach am Ende die entsprechenden Buttons klicken.

Unbedingt wichtig ist der Beitrag des Vereins Pro Asyl, der auch die politische Arbeit begleitet und unterstützt. Ein bisschen mehr als der Preis der oben vorgestellten Flasche Champagner und man hat diese wichtige Arbeit für ein Jahr unterstützt.

Schon seit langem berichtet Bloggerkollege Jörg Utecht über seine Arbeit mit Flüchtlingen. Er bringt ihnen Deutsch bei, er hört ihren Geschichten zu, er versucht, ihnen Ängste zu nehmen und ihnen die ersten Schritte in der neuen Umgebung zu erleichtern, während ihrer Zeit der Ungewissheit, in der über ihren Status entschieden wird.

Diese Menschen, die Organisationen und die vielen anderen stillen Helfer haben einen großen Schluck Champagner verdient und ihnen widme ich das nächste Glas dieses empfehlenswerten eleganten Tropfens. Weitere feine Rosés, die im Rahmen der Weinrallye vorgestellt werden, finden sich am Ende der Weinrallye hinter diesem Link.

Kommentare:

  1. Danke. Für diesen Text. Und dass Du in Worte gefasst hast, was mir auch seit einiger Zeit im Kopf herum geht, wenn ich über das (Food-)Bloggen nachdenke. Dein Beitrag hat mich inspiriert, meinem heutigen Weinrallye-Beitrag einen weiteren hinterher zu schieben...

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  2. Danke susa, von Herzen. Weil ich derzeit keinerlei Lust verspüre, über Genuss zu schreiben und weil ich bisher gezögert habe, in meinem Blog so zu Menschlichkeit, zu Spenden und zu Widerstand gegen die Hasser aufzurufen, wie ich es in anderen Medien und in meinem Umfeld seit Wochen tue. Deine Brandrede ist für mich Anstoss, auch in meinem Foodblog aktiv zu werden.

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  3. Wahre Worte! Tolle Serie, diese Weinrallye :-) Ich glaube du fasst das zusammen, was alle im Kopf haben, aber nicht aussprechen. Diesen Eintrag werde ich auf jeden Fall noch dem ein oder anderen zeigen! Liebe Grüße aus dem Passeiertal :-)

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