Samstag, 1. August 2015

Weinrallye #88 - Wein und Prosa - Weinprosa



Weinrallye 

Da unterbrechen wir doch gerne mal unseren wohl verdienten Blogurlaub. Vor allem, wenn es um das Thema "Wein und Prosa" geht. Die Lyrik hatten wir ja schon in der Rallye Nr. 69.  Da wurde es für die Prosa wirklich langsam Zeit. Victoria Mölich vom Blog Weinreich hat eingeladen und sich dankenswerterweise dieses Themas angenommen.  Unter diesem Link findet Ihr die Zusammenfassung aller Rallyebeiträge.

Feuer und Flamme war ich gleich.

Und dann das!

Der Peter und der Stefan haben mir doch glatt mein Thema geklaut. Ich wollte so gerne über Bruno, Chef de Police, schreiben. Über den Helden des schottischen Autors Martin Walker, den sympathischen Dorfpolizist Bruno  (mit James-Bond-Eigenschaften) aus dem Perigord und diese wunderbaren Exkurse in alle Genüsse dieser  Gegend.

Da heißt es jetzt, flexibel sein! Umdisponieren. Und wozu in die Ferne schweifen, wenn die Prosa bei den Weinfreunden doch direkt vor der Haustüre liegt in Form von Weinbeschreibungen und Verkostungsnotizen. Also hab ich mich mal bei den Weinschreibern umgesehen. Manches ist wirklich schon Pulitzerpreis verdächtig. Andererseits, und das ist mir beim gezielten Suchen aufgefallen, vieles ist so verwechselbar, immer gleich: Aromenaufzählung, kurze Einschätzung, wahlweise Punkte, Sterne, Gläser, Hütchen; fertig. Lesevergnügen über den reinen Informationsgehalt hinaus ist selten. Aber das gibt es auch.

Weinschreibe mal anders. Bitteschön ! (Und hervorragende Weintipps bekommt Ihr gleich in einem Aufwasch dazu.)



Immer noch unvergessen, der Langesche (Road)trip zum Johnerschen Sauvignon blanc Gladstone, Enjoy!

(Zitat) "..Der Wein entführte mich schwuppdiwupp auf die grüne Insel. Plötzlich hatte ich das Gefühl, an einem Strand zu stehen, wo ein paar Beachboys eine Herde Wale zurück in den Pazifik schoben. Salzige Gischt zischte mir ins Gesicht. Ich trug Bermudashorts mit psychedelischen Motiven. Was machte der Wein mit mir? Alles war plötzlich grün, Kolibris saugten aus exotischen Blüten Nektar, metallisch-glänzende Schmetterlinge im XXL-Format wippten mit den Flügeln und Limettensaft tropfte von dem glänzenden Blätterdach über mir. Wahrscheinlich alles nur Einbildung. Kein Sonnenstrahl drang zu mir herab. Grüne Bohnen, nachtschwarze Johannisbeeren, kritzekratzegrüne Erbsen, weißer Trüffelduft. Fluoreszierende Frösche machten im Unterholz mit ihren klebrigen Zungen Jagd auf irisierende Libellen. Ihre Flügel glitzerten wie Diamantkristalle in der Luft. Das musste Mittelerde sein. Und ich mitten drin. Wow .." (Zitatende)
die Lange-Brüder über den 2011 Sauvignon blanc Gladstone von Johner

Der folgende ist noch einer der verständlicheren Texte des von mir sehr geschätzten Matthias Hilse. Kleiner Tipp: Ein Fremdwörterlexikon sollte bei der Lektüre seiner faszinierenden Beschreibungen in Griffnähe liegen.

(Zitat) "...In der stupenden Gelassenheit aristokratischer Würde, mit den Insignien der Schwerkraftenthebung in fliegender Eleganz und einer im Ebenmaß perfekter Harmonie gegründeten Balance, gleitet der Montrose über die Zunge und inszeniert einen in dieser Dichte, Rasse und Willenskraft in diesem Jahr solitären organoleptischen Liveauftritt, dessen taktile Begrenzung dort, wo der Saft die Rachenwandung entlanggleitet, eine Ahnung von Transzendenz ob der unendlichen Feinheit der Brandung vermittelt. So, als ob es nur eine Nebensache und keiner besonderen Erwähnung wert sei, verbindet dieser Wein Kraft mit Fingerspitzengefühl, Konzentration mit Verve, Gewicht mit Schwung.

Mit einem von animierender, frischestrotzender und das Gewicht seiner Substanz sehr gut tragenden Mineralität beseelten Finale schreibt sich der Montrose 2014 tief in das Poesiealbum der Primeurlegenden ein.... " (Zitatende)

Matthias Hilse über den 2014er Montrose

Bei Manfred Klimek sind häufig die off-topic-Passagen seiner Artikel die besten. Für lapidare Sätze wie "Aufmachen, trinken, die Größe schmecken - ..." kann man ihm allerdings nicht oft genug danken. Manchmal muss ich über seinen Texten allerdings grübeln, ob es sich bei bestimmten Formulierungen oder Schreibweisen um die österreichische Sprachvariante handelt oder um einen hundsgemeinen Tippfehler.

(Zitat:) "....In der Nase rosa Grapefruit, nasser Kiesel, der frisch ausgewaschene Aschenbecher, der mir immer Mineralität signalisiert, dann Quitte, ein wenig Pfirsich, feuchter Bambus und das heiße Innere eines Telefunken-Transistorradios verbunden mit der Kühle nasser Bahnschienen. Und Birne, irgendwo ist da auch grüne Birne. Im Mund dann gleich eine durchschlagende Mineralität (die man laut „Experten“ weder riechen noch schmecken kann), Salz, Kräuter, Pfirsich, Birne, Quitte – ein bisschen Ananas. Wenig Exotik, keine Aromenexplosion, dafür eine unfassbar dichte Mitte. Ganz großes Kino von einem stets zurückhaltend auftretendem Winzer. Einer der drei besten Rieslinge, die ich je getrunken habe.

Was für ein Wein! Unfassbar! Aufmachen, trinken, die Größe schmecken – die Geradlinigkeit. Martin Müllen steht für ein instinktives Weinmachen, wie man es an der Mosel in diesem In-die-Moderne-eingebettet-Sein nur selten findet. Müllens trockenen Weine haben Wucht und Kraft und trotzdem Eleganz; das alles ist so absolut deutscher Riesling, wie ihn selten einer festmacht. Ein Gigant!..." (Zitatende)
Manfred Klimek über den 2007 Kröver Letterlay Riesling Spätlese von Martin Müllen

Als ich meine Gabriel-Bücher und das Netz nach besonders pfiffigen oder bemerkenswerten Texten dieses hedonistischen Schweizer Weinschreibers abgesucht habe, bin ich nicht fündig geworden. Sehr solide Weinbeschreibungen, gut nachvollziehbar, aber nichts, was ein Robert Parker nicht mit der gleichen buchhalterischen Akribie so und nicht anders geschrieben hätte, nur halt auf Englisch. Kein Wiedererkennungswert.
Ein Satz hat mir aber sehr gut gefallen:

(Zitat:) "... Eine Weindegustation ohne Emotionen ist wie Tofu für Steakliebhaber!..." (Zitatende)
René Gabriel, einfach so

Die Jungs von Pinard de Picard wiederum, die haben's drauf. Viele nörgelige Gesinnungskrokodile bezeichnen ihre Weinbeschreibungen als übertrieben. Bitteschön, lieber so und den Spaß, an dem, was man tut, zeigen, als schnöselige Aromenaufzählung mit Punktevergabe. Ich lese diese wunderschön gestalteten Kataloge und die mitreißenden Texte  jedenfalls gerne.

(Zitat:) "...Sinnliche Finesse trifft feinste Mineralität!

Uralte Grenache- und Carignanreben, angepflanzt Ende des 19ten Jahrhunderts, dazu Mourvèdre und Syrah ergeben einen der spektakulärsten, finessenreichsten und trinkanimierendsten Rotweine des gesamten französischen Südens, der mit einer faszinierenden Frische und beispielhaften Mineralität daherkommt – und dennoch von noblem aristokratischen Charakter geprägt ist. Die komplexe, sehr feine Aromatik dieses Weines verwöhnt, auf den Punkt gereift, ungemein grazil die Zunge: nicht einen Hauch von Überreife, von Rumtopfnoten oder einer Alkoholdominanz (nein, nur um die 12% Vol. bieten zarteste Verführung!), stattdessen brilliert dieser autochthone Botschafter des wilden französischen Südens mit einer sagenhaften Pinot Noir-artigen Präzision, Frische (!), Feinheit und Fruchttiefe: Edle, kühle, hochkomplexe, feinwürzige Waldbeeren- und intensive Kirschanklänge, feinst unterlegt von floralen (Veilchen), elegant-würzigen (grüner Pfeffer) und tabakigen Noten in Nase und Gaumen sowie zarten „wilden“ Aromen von dem sensationell schönen Carignan-Anteil. Dazu betört ein kohärenter innerer Spannungsbogen von der Zungenspitze bis in den phantastisch langen Nachhall mit seinen seidenen, würzigen Tanninen. Welch phänomenal großer Spitzenwein von einer unglaublichen burgundischen Finesse, einer verzaubernden Textur am Gaumen und einer nie zuvor gesehenen inneren Balance, der nicht nur im Roussillon, sondern selbst im internationalen Maßstab keinen (Preis-) Vergleich zu scheuen braucht! Ein geradezu transparenter Wein..." (Zitatende)
Pinwand Pinard de Picard über den 2014 Gauby Vielles Vignes,  Côtes de Roussillon Village

Manchmal reicht ein Wort aus und schon hat man den Wein verstanden. Und den "Männerwein" will ich Freund Heiner noch mal nachsehen.

(Zitat:) "...Waffenscheinpflichtig..." (Zitatende)
Heiner Lobenberg über den 2011 Madiran "L'Esprit du Couvent" Vielles Vignes, Domaine Capmartin

Natürlich darf die grandiose Cordula Eich bei einer solchen Liste nicht fehlen. Es ist einerseits schon jammerschade, dass sie demnächst nur noch die gut getesteten Weine in ihren Super Schoppen Schopper aufnimmt. So kommen wir leider nicht mehr in den Genuss so köstlicher Verrisse wie:

(Zitat:) "...Zauberwein! Der Hut ist leer, der Hut ist leer ... Simsalabim, auf einmal springt ein Kaninchen heraus! Hier kommt plötzlich ein Weingummi aus dem Glas gehüpft,.." (Zitatende)
Cordula Eich über den 2013  Lab, Vinho Regional, Lisboa (übrigens ein Rosé)

Und bei diesem Artikel vom Schnutentunker wäre es jammerschade, wenn Ihr ihn nicht ganz lesen würdet. Deswegen verzichte ich hier auf ein Zitat.  Es ist nie Besseres zum Thema Kork geschrieben worden. Lesen, marsch, marsch!



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