Sonntag, 1. Februar 2015

Die individualisierende Bitterkeit des Allrounders




Es gibt sie in allen Lebenslagen und wir sind froh, wenn wir sie für uns ausfindig gemacht haben: die Allrounder. Egal ob im Kleiderschrank, im Freundeskreis, im Weinregal oder im Vorratsschrank. Allrounder -bzw. für unsere nicht angloaffinen Leser: eierlegende Wollmilchsäue- machen uns das Leben in so mancher Situation sehr angenehm einfach. 

Die ständige Frage „Was ziehe ich bloß an?“ macht uns Frauen und meistens somit auch die uns liebenden Männer nur zu häufig ganz kirre, wenn wir in Unterwäsche und Socken bekleidet völlig aufgelöst 11 Minuten vor Beginn des Abendessend bei Freunden, dem Theaterbesuch oder dem Pressetermin noch immer keine Ahnung haben, in welchem Kleidungsstück wir uns angemessen präsentieren. Wer von uns Angehörigen des vermeintlich schwachen Geschlechtes lobt sich da nicht das Strickkleid, welches uns zu all den genannten Veranstaltungen ebenso perfekt kleidet wie im Büro. Ergänzt durch anlassorientierte Accessoires und Schuhe fühlen wir uns im Allrounder stets wohl in unserer Haut. Das Kleid könnte aber auch ein Shirt oder ein schlichter Blazer sein, welcher diese Anforderungen erfüllt.

Dasselbe im Freundeskreis. Möchte frau sich einen Kinofilm ansehen, dem sich der allerbeste Ehemann von allen verweigert oder mal wieder richtig genial Sushi essen, was eben genannter so gar nicht mag oder aber zu einer Party gehen, an einem Termin, an dem ER schon etwas anderes vor hat? Glücklich diejenige, die für solche Fälle einen Joker, egal ob männlich oder weiblich, hat welcher gleichermaßen bereitwillig als Begleitung ins Kino, ins Sushi-Restaurant oder zur Party einspringt und im selben Moment wie man selbst das Taschentuch bei der rührendsten aller Filmszenen zückt oder die Bluse von der angeschickerten Brünetten auf der Tanzfläche ebenfalls ganz unmöglich findet...

Weiter geht’s im Weinregal. Die meistens von uns haben ein Problem weniger, wenn sie ein, zwei Weine gefunden haben, die durchaus zu Fisch, Fleisch und diversen Gemüsen und Gewürzen oder einfach mal so zum Feierabend passen. Kein quälendes Suchen im kühlen Weinkeller vor einem Regal, gefüllt mit unzähligen Individualisten. Ein Griff und auch der hartnäckigste bekennende Nicht-Wein-Möger-Gast wird lammfromm und schlürft zufrieden den Inhalt aus dem Glas, wenn sich ein Allrounder in selbigem befindet.

"Was koche ich heute?" Wer behauptet, er/sie hätte sich oder den seinigen/ihrigen diese Frage noch nienicht gestellt, der lügt. Nachweislich. Für diese Situationen empfiehlt sich das Anlegen von Vorräten, auf die man in aller Schnelle zurückgreifen kann, wenn die Zeit knapp ist und die Muse gerade wen anderes küsst. Jeder hat da so seine eigenen Favoriten, die in verschiedensten Varianten mit ständig wechselnden Partnern auf den Tisch kommen. Tiefkühlspinat, Bratwurst, Dosentomaten und Nudeln in allen Variationen stell ich mir da als Anführer vor.

Was wären wir nur ohne diese Nervenberuhiger des Alltags? Allerdings haben die Allrounder meistens eines gemein. Durch ihre vielseitige Einsetzbarkeit verlieren sie an Individualität und Einzigartigkeit. Sie fügen sich perfekt ein, ordnen sich schon fast unter und überlassen einem anderen Spieler die Bühne.

Es geht aber auch anders. Ich kenne da jemanden aus der Gattung der Wegwarten, der gar nicht zurückhaltend und unterordnend, sondern aufgrund seiner Bitteraromen und rustikalen Knackigkeit äußerst dominant ist. Und eine Diva kann er auch sein, denn er ist sehr lichtempfindlich und behält seine Eigenschaften am besten im dunklen, kühlen Milieu. Ich spreche von Chicorée, dem Lichtblick im von Kohlarten dominiertem Winter. Er ist ein Traum als Salat, gern mit fruchtigen Orangen, Äpfeln oder milder Mango. Genauso aber auch mit Pilzen, Walnüssen, Krabben und Garnelen.
Und das ist erst der Anfang, denn der Chicorée kann noch mehr. Genial ist er nämlich auch warm als Beilage zu Entenbrust, Wild, Jakobsmuscheln u.v.m. Ob gebraten, gebacken, glasiert oder karamellisiert, durch seinen besonderen Charakter konkurriert er beinah mit dem vermeintlichen Hauptdarsteller auf dem Teller. Deswegen kann er auch getrost mal das Ruder in die Hand nehmen und gefüllt, umwickelt oder gratiniert den kulinarischen Ton angeben und wird völlig unberechtigt häufig unterschätzt. Auch in vielen Foodblogs tänzelt man gern an ihm vorbei. Eine Ausnahme bildet da Eline, die die Bitternoten der Wintersalate schon so manches Mal hat die erste Geige spielen lassen.
Für meinen "Werbebeitrag" habe ich den Chicorée heute mit asiatischen Aromen verbunden, denen er viel entgegen zu setzen hat und mit denen er trotzdem wunderbar harmoniert:

Asiatisch aromatisiertes Chicoréegemüse mit Ingwer-Hackbällchen
(2 Personen)

Ingwer-Hackbällchen

300 g Rinderhack
15 g frischer Ingwer, geschält und mittelfein gerieben
4-5 EL Sojasoße, glutamatfrei (mit einem Bioprodukt ist man da auf der sicheren Seite)
1 mittelgroße Knoblauchzehe, fein gehackt
1 TL Speisestärke
1 EL Öl

Hackfleisch mit den übrigen Zutaten mischen, tischtennisballgroße Bällchen formen und im Kühlschrank mindestens 30 Minuten durchziehen lassen.
Die Speisestärke und das Öl sorgen für eine homogene, fast cremige Konsistenz des Endproduktes. Wer lieber bissfeste Bällchen mag, lässt diese beiden letzten Zutaten einfach weg.
Die Bällchen in einer Pfanne bei mittlerer Hitze in Öl anbraten und anschließend bei 120°C im Ofen nachziehen lassen.

Asiatisch aromatisiertes Chicoréegemüse

10 kleine Schalotten
1 mittelgroße Karotte
2 mittelgroße Chicorées
½ Bund Frühlingszwiebeln, den grünen Teil davon
1 Haselnussgroßes Stück Ingwer, geschält und mittelfein gerieben
Neutrales Bratöl
Sojasoße
Ca. 200 ml Rinderfond
1-2 TL Chilisoße, selbstgemacht oder gutes Covenienceprodukt
etwas angerührte Stärke zum Abbinden

Schalotten pellen und längs vierteln, so dass die Stücke an der Wurzel noch zusammen gehalten werden. Karotte schälen, längs in ca. 3 mm dicke Scheiben schneiden (Aufschnittmaschine!), Scheiben quer in ca. 3-4 cm lange Stücke schneiden und diese längs in Streifen schneiden.
Chicorée an der Wurzel einkürzen und die Blätter ablösen, ggf. zwischendurch immer mal wieder an der Wurzel kürzen. Blätter je nach Größe längs halbieren oder schräg dritteln. Grün von den Frühlingszwiebeln waschen und in Ringe schneiden
Öl in einer Pfanne nicht zu heiß werden lassen und den Ingwer darin leicht anschwitzen, Karotten und Schalotten zu geben, ein paar Minuten unter Rühren andünsten. Chicorée zugeben, kurz durchschwenken, mit Sojasoße ablöschen, Rinderfond und Chilisoße zugeben, kurz aufkochen lassen und mit der Speisestärke nach Belieben etwas abbinden, mit den Lauchröllchen bestreuen und sofort servieren, der Chicorée sollte unbedingt noch etwas knackig sein.

Wir haben dazu Sardireis, meine Lieblingssorte, genossen.


Kommentare:

  1. Tolles Rezept! Ich habe alles ausser Chicoree zuhause, also muss ich noch auf die Umsetzung warten, leider.

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    1. Das läuft ja nicht weg, wenn du beim Gemüsehändler den Chicorre siehst, fällts dir bestimmt wieder ein und dann kanns losgehe...

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  2. Und was für ein superintellektueller Titel dazu!!

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