Freitag, 16. Mai 2014

Wilde Steine

Wir fahren durch die Provence Verte, entfernen uns von den quirligen Küstenorten, überqueren das Maurengebirge, kurven durch die Kreisverkehre des wenig attraktiven Le Luc und später durch die geruhsamen Wiesen, Weinberge und Korkeichenwälder nach Besse sur Issole, ein verschlafenes kleines Nest. Mit François Miglio, dem Winzer auf Château Gasqui, bin ich seit unserem Kennenlernen bei der ProWein in Kontakt geblieben und nun sollte es endlich wahr werden: Ich würde an Château Gasqui nicht nur wie bisher immer vorbei fahren, sondern ich sollte es nun endlich auch kennenlernen. Vorher würden wir bei einer guten Freundin, Gabrielle, zu Mittag essen, sie würde sich schon freuen, uns kennenzulernen.

Die Freude war ganz auf unserer Seite. Dass die Straße ihres Anwesens von unserem Navi (neuste Ausgabe) nicht gefunden wurde und auch im Dorf selber unbekannt war, konnte uns nicht einschüchtern. Mit Hilfe einer resoluten Briefträgerin fanden wir letztendlich unseren Weg durch unwegsame enge Waldwege, gesäumt von Steinmauern, vorbei an einer verfallenen Kapelle mitten in ein Niemandsland, in dem die Wildschweine unübersehbar ihre Spuren hinterlassen hatten. Und aus dem Nichts tauchte ein 4WD vor uns auf. François hatte sich schon gedacht, dass wir Hilfe auf dem Weg bräuchten und war uns kurzerhand entgegengekommen. Sein Wendemanöver durch einen kleinen Mauerdurchbruch war gekonnt. Herr susa war heilfroh, dass sein eigener Wagen wohl behalten in der heimischen Garage stand und allerlei waghalsige Manöver und ihre Folgen im Zweifel zu Lasten der Mietwagenfirma gingen. (Liebe Firma Europcar, keine Panik, ist alles gut gegangen.)

Noch ein paar Minuten und wir standen vor einem kleinen Gästehaus und einem über 40 Jahre alten 2CV. Da wurden Männer erst mal wieder zu kleinen Jungs. Die Schaltung ausprobieren, das Verdeck aufrollen, sich an den ersten fahrbaren Untersatz erinnern. Das Exemplar hat stolze 42 Jahre auf dem Buckel und erst knapp 30.000 km gelaufen. Und ist das einzige Gefährt des Hauses, das im Winter bei Schnee und Eis die buckligen Waldwege mit ihren verschiedenen Steigungen schaffft.


Les Pierres Sauvages ist ein Roman über den fiktiven Zisterziensermönch Guilleaume Balz, der im 12. Jahrhundert die Abbaye du Thoronet erbaute und Les Pierres Sauvages ist der Name von Gabrielles Gästehaus, das an diese mythischen Zeiten der französischen Geschichte erinnert. Mitten im Wald ist ein architektonisches Juwel entstanden, mit klaren Formen, viel Holz;  durchgehende Fensterfronten lassen den Eindruck entstehen, mitten in der Natur zu sein. Alles erinnert an die großen Abteien der Provence, Thoronet, Senanques und Silvacane. Leo schlägt diesen zauberhaften Ort für die Hauptversammlung 2015 vor.

Das Zentrum ist ein Esszimmer mit einem langen Tisch und einem wunderbaren Kamin in einer Eisenfassung, auf der der Grundriss der Abbaye du Thoronet einradiert ist. Dort empfing uns Gabrielle, eine herzliche quirlige Person. Und zuerst mussten wir natürlich Weine probieren.


Wir begannen mit dem 2012er Rosé Château Gasqui, ein Wein, der alle Grundsätze der provenzalischen Rosé"kultur" über den Haufen wirft. Er ist von einem tief dunklen Lachsrosa, keine zarte Blässe, und von einer wirklich erwachsenen Aromatik. Kein bonbonartigen süßen Beerennoten, kein kleines Süßeschwänzchen, keine langweilige Zitrusfrische. Würde man den allgegenwärtigen Rosénörglern die Augen verbinden und sie probieren lassen, sie würden wohl sauber daneben tippen.

Miglio ist seit zwei Jahren demeter-zertifiziert, beschäftigt sich aber schon seit mehr als 20 Jahren mit der Anthroposophie. Er ist jedoch so weit entfernt von diesen durchleuchteten genussfremden Weltverbesserern wie Jupiter von Venus, er strahlt vielmehr die heitere Gelassenheit eines Menschen aus, der in sich selber ruht. Und er liebt was er tut, das spürt man bei allem, was er sagt und macht.
Wie es die demeter-Richtlinien verlangen, ist der Rosé spontan vergoren und hat sehr lange auf der Maische gelegen. Dann lernen wir die wichtigste Regel in Miglios Weinbau: Nichts tun, dem Wein vertrauen, der Natur vertrauen. Durch die biodynamische Arbeit wird die Natur wieder in einem Zustand versetzt, ihre eigenen Gesetze anzuwenden, es wird ihr weniger ins Handwerk gepfuscht. Machen wir uns nichts vor, sagt er, natürlich ist der Weinbau eine Monokultur.

Jetzt probieren wir: Nase rein - welche Vielfalt der Aromen, Kräuter, Mineral, ein wenig Erdbeer, eine ganz lebendige Frische. Und dann erst am Gaumen, strahlend klar, geschliffen, feingliedrig bis zum mineralischen Abgang. Das hat nichts aber auch gar nichts mit den kleinen Weinchen im mondänen St. Tropez zu tun, in die man ohne Not einen Eiswürfel gibt und das Ganze dann "piscine" nennt.

Sein Wein sei ja gar kein richtiger provenzalischer Rosé werde ihm oft vorgeworfen, er sei so anders, so dunkelfarbig, so intensiv. Falsch, pflegt er dann zu sagen, sein Wein sei wahrscheinlich der einzig echte Rosé der Provence, der so wie ihn der Boden, die Rebe und die Natur hergebe, entstanden sei und nicht nach dem Willen der Marketingfachleute, die mit einem gemachten Produkt ein exklusives Lebensgefühl verkaufen und die Winzer müssen zusehen, dass ihre Weine diesem Marketingkonzept entsprechen.


Gabrielle wartet schon mit dem Essen, man kennt das ja als Hausfrau, die Gäste haben sich festgeplaudert und in der Küche droht das Essen anzubrennen oder zu verkochen. Wer seine Gäste kennt, kann dem mit entsprechender Speisenauswahl begegnen.

Das kleine Menü bestand aus klassischen Gerichten der Region, einfach, aber wunderbar zusammengestellt, besser geht's nicht. Und perfekt, wenn man so hervorragende Weine als Begleiter aufgetischt bekommt. Sie hat mir die Rezepte versprochen, ich werde sie, sobald ich sie erhalten und übersetzt habe, bei den Überschriften verlinken.

Zur Begrüssung: Olivengrissini, ein paar Nüsschen - 2012 Rosé Château du Gasqui

Vorspeise: Socca, Paprikaflan, gegrillte Paprika, Salat - 2012 Rosé du Château Gasqui
Socca ist ein klassisches Gericht aus Nizza, ein flacher Fladen aus Mais- oder Kichererbsenmehl, da gehen die Glaubensrichtungen auseinander wie bei uns bei den Königsberger Klopsen

Hauptgericht: Navarin d'agneau - 2006, 2008 und 2011 G-point du Château Gasqui
Ein Schmorgericht, Lammschulter mit Gemüse geschmort, die Gemüse können jahreszeitlich wechseln, wichtig ist, so Gabrielle, dass Bohnen dabei sind, Saubohnen, bei uns im Rheinland auch als dicke Bohnen bekannt, natürlich gepellt.
2008 und 2011 waren am gleichen Tag letztes Jahr im September gefüllt worden, 2008 war noch aus der vor-demeter-Zeit, 2011 schon unter demeter-Bedingungen. Ausführliche Beschreibung folgt in einem eigenen Artikel.

Käse: Ziegenkäse mit Feigenmarmelade - 2012 Blanc du Château Gasqui
Der Käse stammte von einem Ziegenhof aus einem Dorf in der Nähe, ich hoffe, ich bekomme hier noch eine Bezugsquelle, ich komme ja jetzt sicher öfter mal in die Gegend. Obwohl der Käse eher mild war, war er von einer wunderbar festen Aromatik und fest in der Textur. Dass die Marmelade selbst gekocht war, bedarf ja wohl keiner weiteren Erwähnung.
Wir befürchteten, dass die Rotweine zu kräftig wären für den doch eher zarten Käse und schwenkten auf den Weißwein um. Überraschung, der Weißwein, sehr trocken und sehr mineralisch und der Käse vertrugen sich gar nicht, die Roten, insbesondere der 2011er mit einem wunderbaren Spiel von Kraft und Frucht passten! Da sieht man's wieder, man sollte hin und wieder auch mal seine Prinzipien vergessen.

Dessert: Choux à la vanille mit Café
Es handelt sich wohl um kleine Brandteigkrapfen, die mit einer Crème pâtissière gefüllt sind.

Mindestens ebenso köstlich wie Essen und Weine waren die angeregten Unterhaltungen. Ich habe selten an einem Tag so viel über Wein und über das Leben gelernt.

Und endlich - viel später als eigentlich vorgesehen - machten wir uns auf, zurück über die abenteuerliche Buckelpiste zu Château Gasqui. Und das ist wieder eine andere Geschichte, die an einem anderen Tag erzählt werden soll.

Die Geschichte würde eigentlich wunderbar zur nächsten Weinrallye passen "Weine ohne Schnickschnack", die in diesem Monat von Michaela Loidl von Bio-Weine-Online ausgerichtet wird, aber ich glaube, zweimal hintereinander der gleiche Winzer ist gegen die Statuten.

Wer Ruhe sucht ohne Einsamkeit und wem touristisches Gequirle manchmal zu viel ist, für den hier - wie der Franzose sagt - die Koordinaten:

Les Pierres Sauvages
Molin - Chemin Magnau
F-83890 Besse sur Issole
Tel. +33(0).4.9480.1873
contact@lespierressauvages.com

Kommentare:

  1. Ich bin ja immer sauneidisch, wenn ich deine Urlaubsberichte aus Frankreich lese. So auch bei diesem, aber dann lese ich ihn immer wieder, meinen Lieblingssatz: " Leo schlägt diesen zauberhaften Ort für die Hauptversammlung 2015 vor"

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  2. Da will ich sofort ein Köfferchen packen, mich in den alten Renault 4 meiner Eltern setzen und zu all den Pierres, Jacques und Henris fahren und kistenweise provencalischen Rosé kaufen. Hach!

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