Freitag, 27. September 2013

Weinrallye #67 - Wein und Politik



Letzter Freitag im Monat, es ist wieder Weinrallyetag. Die Weinrallye ist ein monatlich wiederkehrendes Blogereignis für Weinthemen. Jeden Monat übernimmt ein anderes Blog als Gastgeber die Federführung und lädt zu einem bestimmten Thema ein. Eingeführt hat die Rallye anlehnend an die französischen Vendredis du Vin Thomas Lippert auf seinem leider stillgelegten Winzerblog .

Diesen Monat empfängt uns die einmalige Arthurs Tochter und weil ja unlängst Wahl war, möchte sie etwas zu "Politik und Wein" lesen. Großzügig wie sie ist, hat sie das Thema so weit wie möglich gefasst "… Von Weingesetzen bis zu betrunkenen Politikern ist alles erlaubt und gewünscht! …". 

Eine Folge von "Wein und Politik" ist ja offensichtlich, nämlich dass man beim Besuch von fast jeder Winzer/Weinwebseite per Mouseklick bestätigen muss, dass man das in seinem Lande gesetzlich vorgeschriebene Alter für Erwerb und Genuss von Alkohol hat. Ehrliche Jugendliche klicken an dieser Stelle "nein" und wenden sich den wirklich interessanten Seiten im Netz zu.


Und ich entführe Euch in die guten alten Zeiten und über'n großen Teich nach Amerika. Dort hatten einst und haben noch heute die Ideen der in Irland, England und Deutschland aktiven Temperenzler (die übrigens auch der Sittlichkeitsbewegung nahe standen) an politischem Einfluss gewonnen und es fanden sich ihre Ideen beispielsweise bei der Prohibition Party oder der Anti-Saloon-League wieder. Diese Vereinigungen zogen vehement gegen den Alkohol ins Land, malten seine verheerenden Folgen in den dunkelsten Farben aus und forderten entschiedenes Handeln der Politik zum Wohle der Bevölkerung. Die Vision: Eine abstinente Gesellschaft! Und die Politik handelte und wie sie das so gerne macht, nach dem Motto: Nicht kleckern, klotzen!

Die Folge des politischen Einflusses dieser Organisationen in den Roaring Twenties mündete in der  Prohibition genauer gesagt dem "National Prohibition Act", einem Gesetz wonach Alkoholausschank und -konsum verboten war. Das hat dann der Mafia zu einem ihrer größten Geschäftsfelder neben Drogenhandel und Prostitution verholfen und uns so wunderbare Filme beschert wie "Some like it hot"" oder "The Great Gatsby" nach dem Roman von F. Scott Fitzgerald.


A propos heute noch, die Prohibition Party gibt es immer noch und sie propagieren das "clean living", ein Leben ohne Alkohol, ohne Drogen, ohne Nikotin (und ohne es genau zu wissen würde ich mal schätzen, vor- und außerehelicher Sex steht auch auf ihrer black list).

Natürlich ließ sich die Sache nicht lange durchhalten, schon weil der Staat kaum Mittel hatte, das Gesetz wirksam zu kontrollieren, ganz abgesehen von der dummerweise fehlenden Möglichkeit, den Alkohol budgetwirksam zu besteuern, und so verabschiedete 1933 der letzte Bundesstaat die Aufhebung des 1920 beschlossenen Gesetzes.

Die immer noch sehr puritanische Haltung der Amerikaner gegenüber alkoholischen Getränken ist in die heutige Regelung für Alkoholverkauf und -konsum eingeflossen und hat jedenfalls aus unserer europäischen Sicht recht merkwürdige Blüten getrieben.

die brown bags eignen sich auch gut für Blindproben
Das gesetzliche Mindestalter für den Alkoholkauf beträgt 21 Jahre (weswegen amerikanische Austauschschüler in Europa als erstes die lockere einschlägige Regelung vollends auskosten, wogegen die europäischen Kids in Amerika von den einheimischen Statuten bezüglich Autofahren und Führerscheinerwerb schwärmen). In den Indianerreservaten ist Alkoholausschank, - verkauf oder -genuss immer noch ausnahmslos verboten (was in meinen Augen lediglich ein Herumdoktorn am Symptom aber nicht an der Wurzel des Übels ist). In manchen Bundesstaaten ist der Verkauf und/oder Konsum von Alkohol am Sonntag verboten. In ganz USA werden Alkoholika nur in staatlich lizenzierten Liquorshops verkauft und dort in die aus Film und Fernsehen bekannten braunen Tüten abgepackt. Offen Wein- oder Schnapsflaschen herumtragen oder gar daraus konsumieren ist mindestens schlechter Stil, in manchen Staaten gleich verboten. Der Konsum mit verhüllender brauner Tüte, auch als brown-bagging bezeichnet, ist hingegen toleriert. Interessanterweise wird inzwischen auch die Vermehrung patentierten Saatgutes zum Eigenbedarf, die leider auch illegal ist, als brown-bagging bezeichnet, Stichwort: Monsanto.

Während der Prohibition gab es neben dem organisierten illegalen Alkohlhandel auch die kleinen privaten Fluchten der einfachen Leute, die kleine Schnapsbrennerei auf dem Land, die Bierbrauerei in der eigenen Waschküche oder auch die private Weinkelterei für den Hausgebrauch. Letztere blieb dank einer Lücke im Gesetz de facto legal. Und so verlegten sich die Weinbaubetriebe, die während dieser Zeit fast in den Ruin getrieben wurden, darauf, ihre Trauben an Privathaushalte zu verkaufen, die ihren Wein eben selber erzeugten. Wer über genügend Gartenfläche verfügte, der pflanzte auch gleich ein paar Rebstöcke.
Zinfandelrebe
Und genau diesem Umstand hat vor allem eine Rebsorte ihre Beliebtheit zu verdanken, der Zinfandel, denn er ist ertragsstark, relativ anspruchslos und bringt recht alkoholstarke Weine hervor, so dass die kleinen "Hobbywinzer" gerne auf ihn zurückgriffen oder ihn im eigenen Garten anpflanzten. So hat der Zinfandel die Prohibition einigermaßen unbeschadet überstanden. Vielleicht hat auch gerade diese Verknüpfung mit einem Stück amerikanischer Geschichte zu seiner Beliebtheit beigetragen.

Über den Umstand seiner Namensgebung und seine DNA will ich mich jetzt nicht auslassen, das ist ja wohl inzwischen allgemein bekannt, die Sache mit der Namensverwechslung und dem Primitivo. Auch die einheimische Ausspracheregel sollte bekannt sein, je mehr Vokale man weglässt, umso amerikanischer klingt es, also Zn_fn_däl oder lässig "Zin" mit weichen s wie in Sinn oder susa, das önologische Amerika liebt ja so nonchalant dahin geworfene Kürzel, Käbbfränn hab ich auch schon gehört, PetSy würde sich doch auch noch anbieten.

Zum Schluss meiner heutigen Etappe gibt es folgerichtig einen vollkommen legal angebauten, ordnungsgemäß und unter Berücksichtigung aller gesetzlichen Auflagen eingeführten und versteuerten Zinfandel. Im Moment ist die Weineinfuhr von den USA nach Deutschland ja relativ einfach möglich, übrigens teilweise einfacher als zwischen einzelnen US-Bundesstaaten, die wegen unterschiedlicher (protektionistischer) Gesetzgebung die Einfuhr von Wein aus den Nachbarstaaten verbieten oder zumindest so sehr erschweren, dass sie de facto nicht stattfindet.

2009 Geyserville
Ridge Winery, Sonoma Valley, California

Often enough Zin is the highway to a cheap quick buzz, oder so ähnlich (aus der Erinnerung zitiert) schrieb einst der verehrte amerikanische Weinbloggerkollege Dr. Vino , Tyler Coleman, der übrigens auch ein Buch geschrieben hat, das wunderbar zum Thema dieser Rallye passt: Wine Politics: How Governments, Environmentalists, Mobsters, and Critics Influence the Wines We Drink. Allein der kurze Klappentext bei Amazon skizziert die Komplexität des Themas.

Und recht hat er, oft genug ist ein "klassischer" amerikanischer Zin (nein das ist kein Pleonasmus, es gibt auch noch anderswo welche, wenn auch nicht gerade im Überfluss, vom Primitivo ganz zu schweigen) ein alkoholstarker fetter, marmeladiger Geselle, einer von dem man trotz der hohen Alkoholgrade eher satt ist bevor man betrunken wird.

Die Geyserville Zinfandels heben sich von dieser Spezies entschieden ab, sie sind übrigens auch nicht reinrebig sondern immer eine Cuvée je nach Jahrgang in unterschiedlicher Zusammensetzung verschiedener Mitspieler, der hier vorgestellte 2009er besteht aus 74% Zinfandel, 19% Carignan und 7% Petite Syrah. 14.5vol% Alkohol sind für Zin-Verhältnisse schon fast moderat zu nennen, ich hab schon Turleys zu knapp 18 getrunken, mit denen ich meine liebe Not hatte. Die Trauben stammen aus dem namensgebenden Geyserville Vineyard, wo die älteste Reben der Winery, einige sind 130 Jahre alt, stehen.

Der Duft des Weines ließ mich befürchten, er habe seine besseren Zeiten hinter sich (und das, obwohl auch die Ridges der Basislinien so ihre 10 Jahre brauchen, um sich in ihrer ganzen Schönheit zu zeigen)  malzig, rosinig, an Portwein erinnernd, ein bisschen gekochte rote Frucht. Sollte der etwa das fette Marmeladenpaket sein, das ich gerade nicht haben will?

Nein, am Gaumen zeigte sich ein vollkommen anderer Wein, wenn auch zunächst von einer etwas dominanten Alkoholnote begleitet, die aber nach einer Zeit verschwand. Das Mundgefühl war weich und seidig, feiner eher mittelschwerer Körper und Aromen von roten Beeren, Bitterschokolade, Zigarrenkiste, Vanille und Mokka, später auch schwarzer Pfeffer, gut eingebaute Säure, feines Tannin eher im Hintergrund. Und zum Schluss ein charmanter langer Abgang, fast ein wenig verspielt im Vergleich zu dem komplexen und festen Gaumeneindruck.




Übrigens, wem die Sache mit dem Verbieten und der staatlich geregelten Lebensweise irgendwie bekannt vorkommt, dem sei gesagt, dass alles was Spaß macht, entweder ungesetzlich ist, oder unmoralisch, oder es macht dick. Oder es ist so teuer, dass man es sich kaum leisten kann.


Die nächste Weinrallye wird von den Kollegen von originalverkorkt ausgetragen und hat zum Thema "Wie sieht Eure ideale Weinkarte aus?" Ich sag schon mal so viel, die meine kann sich kaum ein Restaurant leisten.

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