Dienstag, 4. Dezember 2012

180°-Adventskalender 2012 - Türchen #4 - von Barbara


„Geh in den Garten am Barbaratag.
Geh zum kahlen Kirschbaum und sag:

Kurz ist der Tag, grau ist die Zeit.
Der Winter beginnt, der Frühling ist weit.

Doch in drei Wochen, da wird’s geschehn:
Wir feiern ein Fest, wie der Frühling so schön.

Baum, einen Zweig gib du mir von dir.
Ist er auch kahl, ich nehm' ihn mit mir.

Und er wird blühen in leuchtender Pracht
mitten im Winter in der Heiligen Nacht.“

(Josef Guggenmos)


Ein Glück, dass hier bei uns die Namenstage nicht gefeiert werden! Nicht, weil ich meinen Namen nicht leiden könnte. Aber die Geschichte, die anno dunnemals aus Barbara von Nikomedien die Heilige Barbara machte, ist mir viel zu grausam. Die mag ich hier gar nicht aufschreiben; wen es interessiert, der darf gern selbst nachlesen: http://de.wikipedia.org/wiki/Barbara_von_Nikomedien
Und überhaupt: Eine Märtyrerin als Role Model – nichts für mich Gern-Genießerin, nein danke.


Aber den Brauch, am Barbaratag einen Kirschzweig ins Haus zu holen, in die Vase zu stellen und darauf zu hoffen, dass er zu Weihnachten blüht, den mag ich sehr. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit; und wenn damals Barbaratag war, dann war Weihnachten für mich längst in vollem Gange. Da bin ich großzügig – bis heute. 



Weihnachten fängt so ungefähr um den Martinstag herum an und endet keinen Tag früher als am 11. Januar. Dann hat meine Mutter Geburtstag.
Okay, okay, ihr habt mich erwischt: Ich bin bekennender Weihnachts-Fan. Kunststück, oder? Plätzchen naschen, im Kerzenschein sitzen, Glühwein trinken, Geschenke auspacken, lecker essen – das mag doch jeder! Ich auch, klar … aber was mich wirklich fasziniert, das sind die merkwürdigen Dinge, die Weihnachten mit der Zeit anstellt.

Ich glaube ja, Weihnachten ist ein Webfehler in der Matrix. Ein winziger Riss nur, aber der reicht aus, um unser vermeintlich so verlässlich tickendes Zeitgefühl aus dem Takt zu bringen. Vergangenheit oder Gegenwart? Unterm Weihnachtsbaum spielt der Unterschied kaum eine Rolle. Bin ich 4 oder 40? Sitzt da meine Großmutter neben mir oder spiele ich mit meinen kleinen Nichten? Beides! Unterm Weihnachtsbaum geht das. Die Bilder überlagern sich, wie auf einem Foto mit Mehrfachbelichtung. Großmutter lebt längst nicht mehr, hat ihre Urenkel nie kennen gelernt, aber sie gehört weiterhin in dieses Weihnachtszimmer. Alle und alles, was hier jemals seinen Platz hatte, ist auch jetzt da. Die Menschen. Und die speziellen Momente – komisch, rührend, auch mal trübe: Sie sind Garanten dafür, dass sich die Essenz von Weihnachten nicht in einem einzigen Taumel grün-rot-goldenen Glücklichseins auflöst.

Großmutters letztes Weihnachtsfest mit uns zum Beispiel, bei dem sie – eigentlich bereits bettlägerig und nur fürs Essen ins Zimmer getragen – mit Engelszungen den Babybrei lobt, den sie bekommt, weil sie schon nichts anderes mehr schlucken kann. 
Oder auch jenes Fest, bei dem die feinen, aber fetten Räucherfisch-Leckereien, die auf den Tisch kommen, die magentechnisch weniger Robusten unter uns komplett aus der Bahn werfen: Meine Mutter, der ein Glas Wein in der Regel schon fast zu viel ist, kippt freiwillig und todesmutig zwei Averna als Gegenmittel. Und mein Vater, der langgediente und hoch engagierte Kirchenälteste, schafft es zum ersten Mal in seinem 80-jährigen Dasein an Heiligabend nicht in den Gottesdienst.

Womit wir uns aus dem Reich der wissenschaftlich alles andere als fundierten Küchenphilosophie erfolgreich in handfeste Herdnähe geplaudert hätten.
Dort soll es diesmal – so will es die zwölfköpfige Familien-Vollversammlung – klassisch-rustikal zugehen. Mit Wild. Oder auch mit Gans, vom Geflügelhof in der Nachbarschaft. Gänsekeulen könnte es geben, die kurz vor Ende der Bratzeit im Ofen mit geschmolzenem Quittengelee bepinselt werden, was ihnen eine herrliche Farbe und feinen Geschmack verleiht. Rosenkohl dazu, hausgemachte Bandnudeln und eine Portwein-Sauce, die – kleine, aber durchaus empfehlenswerte Konzession an den heutigen Barbaratag – mit Kirschen verfeinert wird. 
Sauerkirschen von dem Baum, der früher mal da wuchs, wo heute der Eingang zum Gewächshaus ist. Wie? Er steht längst nicht mehr, kann also gar keine Früchte liefern? Spielt keine Rolle, spielt alles keine Rolle unterm Weihnachtsbaum.

Als Vorspeise steht momentan ein Caprese mit Roter Bete hoch im Kurs. Erdig genug für ein winterliches Essen, aber durch ein Pistazien-Basilikum-Pesto (das habe ich mir bei Robert von www.lamiacucina.wordpress.com abgeschaut) mit einem Frische-Kick versehen, der richtig gut passt zu einem „Fest, wie der Frühling so schön“.
 Und der Nachtisch? Den macht, verlässlich lecker, seit jeher meine Mutter – und das wird wohl noch ein paar hundert Jährchen so bleiben. Und Großmutter wird er schmecken, so gut wie einst der Babybrei. Der kleine Riss in der Matrix macht's möglich.

Absurd? Abwegig? Paradox? Kaum mehr als Kirschzweige, die mitten im Winter blühen. Unterm Weihnachtsbaum ist alles möglich. Also, husch husch – Rechner aus und Barbara-Zweige schneiden! Für ein frühlingsschönes Fest in drei Wochen!

But trust me on the goose legs.

[Zugegeben, obwohl Barbara uns bei 180° nach eigenen Angaben schon eine längere Zeit "beobachtet", ist sie erst im Frühling dieses Jahres für uns so richtig in Erscheinung getreten. Sie war nämlich diejenige, die uns die Lösung zu unserem 180°-Osterrätsel in Rekordzeit zuschickte und somit als Gewinnerin unseres Überraschungspaketes hervorging.

Barbara, Barbara...? 


Still und leise im Hintergrund und doch immer da, hat sie uns beobachtet und auf uns aufgepasst und tut es noch immer, gut das zu jetzt zu wissen :o)
In seltenen Ausnahmefällen tritt Barbara aber dann doch an die Oberfläche und erzählt etwas von Butterbrotverhältnissen, wie bei Heikes Blog oder alten Schätzchen wie bei Bushcooks Kitchen.
Was für ein Glück, denn wenn sie zu erzählen beginnt, dann zieht sie den Leser in ihren Bann, bringt ihn zum Lachen, Weinen oder Nachdenken, manchmal auch alles gleichzeitig, So auch heute am Barbaratag mit ihrem vierten Adventskalendertürchen.]

Kommentare:

  1. Das sind ja viele schöne Gedanken, die da aufgegriffen werden, aber die Theorie zur Matrix hat es mir besonders angetan. Wobei ich mich frage, ob diese eine Stelle nicht der Normalzustand sein sollte? Und die Alternormierung in der übrigen Zeit vielleicht die Verwerfung ist?

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    1. Das wäre auf jeden Fall ein wunderschöner Traum! Wie eine frühlingsschöne Dauerweihnacht – und damit fast wie in Kästners “Dreizehntem Monat“. Aber wie schrieb der doch? „Der Schleier weht, dein Antlitz bleibt verhüllt...“ – Trotzdem, träumen darf man ja, findet:

      Barbara. :)

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  2. Die Geschichte und die Matrix-Webfehler-Theorie haben mich so verzaubert, dass ich diesjährig zum ersten Mal ein paar Kirschzweige geschnitten habe und nun gespannt auf Weihnachten warte...und auf alles, was da kommen möge ;o)

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    1. Das wird was, Suse! Wetten??? Und wenn das mit dem Zweig schon mal klappt, dann haut alles andere auch hin... ;)

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  3. Wunderbar geschrieben, liebe Barbara. Du hast diesem Gefühl "Riss in der Matrix" einen Namen geben. Gefühlt habe ich den auch schon immer, wusste nur nicht, wie man es beschreiben könnte. Ob diese Schwingungen alle Barbaras heimsucht? :-)

    Liebe Grüße von einer Namensvetterin

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    1. Danke dir! Und du meinst, das sei ein spezielles Barbara-Feeling? Gut möglich, wir Barbaras haben halt gute Antennen! :)

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  4. Den Riß in der Matrix, eine gute Definition, kurz und verständlich für das Sonderbare dieser Tage. Trotz der Hektik schimmert auch Etwas durch die Lücken. Mit einigen mehr Worten habe ich versucht das Etwas zu beschreiben:

    Advenire

    Hektisch wird die Zeit,
    Menschen überall tummeln,
    laufen geschäftig,
    backen und kucheln,
    suchen...

    ... Hoffnung, Liebe, Zuversicht.

    Damals im Parardies verwirkt,
    4 mal die Tausend Jahr vorbei.
    Ein Versprechen währt.
    Neugeboren wird es sein.

    Das erste Licht das erste Tausend,
    Das zweite Licht das Zweite.
    Drei dann Vier.
    Rückwärts wird gemesssen.
    Von spät auf jetzt!

    Ein Kranz von Kerzen
    auf nem Wagenrad sollt
    zeigen, Tage die bleiben.
    Klein für den Tag der Woche,
    groß für den den Tag der Ruhe.

    Grün ist die Hoffnung.
    Tannenrund vermittelt
    mit rotem Band
    der Liebe,
    des Herzens,
    Tage bleibend,
    harrend auf,
    als Zeichen
    der Kerzen Leuchten dienet:

    Das Fest der Freude,
    des Lichtes in dieser Welt!

    WN

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  5. Und nochmal freut es mich, dass Barbara das OBÜP gewonnen hat :)

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    1. Blöde Grammatik. Jetzt aber:

      Und mich erst, Toni, und mich erst! :D

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  6. Gestern beim Barbarazweigschneiden hab ich ihn genau gespürt, den Riss in der Matrix.

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    1. Das ist gut, Susa, dann kann nix schief gehen. Dann wird dir zu Weihnachten was blühen! ;)

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  7. Sehr schönes Türchen! Mit genau solchen Gedanken will ich in Weihnachtsstimmung kommen und nicht anders! Danke!

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  8. Schönen Dank zurück, Matthias! Und: „Da nich' für“, wie das hier gern heißt... :)

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