Freitag, 3. Juni 2011

susa am Freitag ….. 2008 Artigas, Priorat

 "Man kann auch aus Reste noch wat machen!....." war einer der Standardsprüche meiner Großmutter verwettetes Gebiss und ist, nicht nur auf übrig gebliebenes Essen bezogen, inzwischen zu einem festen Bestandteil unseres Familienvokabulars geworden, z.B. als Nachbarssohn Ferdi auch endlich eine junge Frau heimführte. Oma war nicht immer politisch korrekt (und wir sind es auch nicht).

Aber nun mal von vorne und ernsthaft. Laut einer Studie der FAO (Food and Agriculture Organization of the United Nations) werden rund ein Drittel aller produzierten Lebensmittel weg geworfen (manche Experten schätzen die Menge sogar mit 40% ein), beim Produzenten, im Laden, im Haushalt. Diese Menge würde mehr als ausreichen, um die gesamte Weltbevölkerung vollständig und gesund zu ernähren, von den Folgekosten dieser Überproduktion ganz zu schweigen;  hier und hier weitere Aspekte zu diesem ernsten Thema.

Wer wie ich als direkter Nachfahre der z.T. beiden Kriegsgenerationen groß geworden ist, kennt das noch, Lebensmittel wegwerfen ging gar nicht. Als ich in der Schule auf dem Pausenhof einmal erwischt wurde, wie ich mein Leberwurstbrot (damals HASSTE ich Leberwurst) heimlich in den Papierkorb entsorgte, gab es erst mal Nachsitzen mit Strafarbeit "Ich darf keine Lebensmittel ……" usw. 100mal; dann zu Hause die nächste Gardinenpredigt und die Aufforderung, diese Sünde am nächsten Samstag zu beichten, was mir zusammen mit meinen anderen Verfehlungen eine gewaltige Menge an Gegrüßetseistdumarias und Vaterunsers einbrachte. Allerdings verschonte es mich auch von weiteren Leberwurstbroten.

Und der wöchentliche Speisezettel war eine raffinierte Abfolge der Verwertung vergangener Mahlzeiten. Die Reste vom Sonntagsbraten kalt aufgeschnitten mit den schon auf Vorrat gekochten Kartoffeln in Gestalt von Bratkartoffeln und Quark am Montag. Falls noch immer Kartoffeln übrig waren, wurden aus Kartoffeln, Quark, Mehl und Ei am Dienstag Quarkkeulchen mit Apfelmus, vorher gab es die Reste von der sonntäglichen Rindfleischsuppe. Oder Gemüse-, Fleisch- und Kartoffelreste wurden zusammen in einer Pfanne aufgebraten, in ein Omelett geschlagen und mit einer Gewürzgurke serviert – Hoppelpoppel.

Ich bin mit zwei Großmüttern aufgewachsen, die unterschiedlicher nicht sein konnten. OmA (vwG) aus dem Rheinland, bodenständig, praktisch, mit – der Berliner würde sagen – Herz und Schnauze. OmI aus Schlesien, immer ein bisschen etepetete und mit Spitzen umsäumtem Taschentuch und höchsten Ansprüchen an sich und andere, ans Essen und ans Leben.

Kochen konnten beide und das mit der Resteverwertung war auch beiden eigen. Wenn es bei Omi an Weihnachten Gänsebraten und Klöße gab, dann gab es am zweiten Weihnachtstag Gänsekleinsuppe aus den abgenagten Knochen und Fleischresten des edlen Tiers und anschließend Bratklöße (Bratklöße hab ich gehasst, die Suppe hab ich geliebt und muss dringend mal nach einem Rezept suchen).

Und wenn Oma Schnitzel briet, dann rührte sie zum Schluss das übrig gebliebene Ei von der Panade mit dem Paniermehl zusammen und ließ es in die erkaltende Pfanne gleiten, wo es langsam stockte. Das kalte "Schnitzel-Ei" gab es dann am Abend aufs Brot, meistens für Opa, manchmal auch für eines von uns Kindern ("wer war denn heute besonders lieb?"), mal mit Schnittlauch bestreut, wenn es der Garten gerade hergab. Schnitzel-Ei war das allerbeste am Schnitzel. Und deswegen gibt es das bei uns auch heute noch, so geschehen gestern.


Zum Schnitzel-Ei mit Tomaten (damit keiner um mein Leben oder meine Gesundheit fürchtet, die Tomaten sind aus der Produktion von Frau Jumpertz, der Gemüsebäuerin mV, keine 20 km von hier aufgewachsen und geerntet, beste Bioqualität und sie schmeckten so wie eine gute Tomate schmecken muss) gab es

2008 Artigas
Bodega mas Alta, Priorat DOC

hier stimmt die Gleichung, einfaches Essen – komplexe Weine.

Der Wein ist eine Cuvée aus Garnacha blanca, Macabeu und Pedro Ximenez, jener Rebe, die für diese wunderbar komplexen Sherries eingesetzt wird, und er ist so etwas wie eine gekonnte Vermählung spanischer und französischer (Weiß)weintugenden und ein hervorragendes Beispiel für Internationalität. Kein Wunder, zeichnet doch der umtriebige französische Winzer und flying winemaker Michel Tardieu verantwortlich. Das Gut selber gehört einem belgischen Ehepaar, das es Anfang der 90er Jahre erwarb (ich überlege gerade ob irgendwann einmal ein Medienwissenschaftler sagen wir mal im Jahre 2184 diesen Text im Rahmen einer wissenschaftlichen Analyse von "Internetblogging und andere historische Kommunikationsformen unter besonderer Berücksichtigung …… Rhabarberrhabarber"  analysiert und hier eine Fußnote anbringt "gemeint sind wahrscheinlich die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts – Anm. d. Verf.", ja lieber Verf., genau die sind gemeint).

Nun aber zum Wein, kräftig goldgelbe Farbe und eine Nase in der vor allem etwas herbe Zitrusnoten wie Grapefruit und Bitterorange dominieren mit leichten mineralischen Anklängen. Am Gaumen braucht es einen ganz kleinen Moment und dann entwickelt sich der Wein erstaunlich schmelzig und komplex, Zitrusaromen, Kräuter, Kamille – auch das an anderer Stelle immer wieder entdeckte Waldgeißblatt ist dabei, das ich nie mehr vergessen werde und inzwischen ganz besonders schätze, sowie Anklänge von Pfirischkernen, die sich in den lang anhaltenden Abgang hineinschieben.

So wird aus einem einfachen Resteessen ein ganz besonderes Ereignis.

Prost!

Kommentare:

  1. Weisse Priorat-Weine sind mir meist lieber als die roten.Waldgeissblatt kenne ich nicht, nur Geissblatt. Dessen Duft liebe ich. Wenn ein Wein danach duftet, ist das schon mal was für mich.
    Die Restlessen kenne ich aus meiner Kindheit und ich selbst kann immer noch keine Lebensmittel wegwerfen.
    Daher gibt es bei mir auch ein Rezept für Geflügeleinmachsuppe, vielleicht hat es einem Bezug zu der deiner Oma:
    http://kuechentanz.blogspot.com/2009/11/geflugeleinmachsuppe-at-gewidmet.html

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  2. Waldgeissblatt - chèvrefeuille des bois
    ein Aroma, das oft bei Viognier oder weißer Grenache erscheint

    Und vielen Dank Eline, das Rezept kommt in meine Kladde für nächstes Weihnachten. Es kommt meinem Großmutterrezept sehr nahe, ich weiß nur, dass sie die Suppe mit einem Eigelb legiert hat und keine Einbrenne verwendet hat, ich werde mal beide Varianten probieren.

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  3. Endlich mal jemand, der das mit der Schnitzel-Panade auch kennt! Schnitzel-Ei übernehme ich sofort ins Vokabular. Meine Oma hat es auch so gemacht, meine Mutter macht es auch, ich auch, nur einen Namen hatte die Resteverwertung nicht. Als der Gatte Ei und Panade mal entsorgen wollte, bekam ich Zustände - er kannte das nicht von Zuhause.

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  4. Eigelb zu Bindung ist edler (und üppiger). Ich mag Einbrenn bei diesen altmodischen Gerichten.
    Waldgeissblatt: scheint doch sehr nahe verwandt mit dem aus dem Garten zu sein. Ein Wahnsinnsduft, drum mag ich auch Viognier und weissen Greneache so gerne.

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  5. Kaoskoch, das ist Herrn susa auch mal so passiert. ;o))

    Und Eline, klar dass OmI die edlere Variante wählte, OmA hätte wahrscheinlich auch eine Einbrenne gemacht.

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  6. Wer kennt das Schnitzel-Ei mit der Panade nicht? Es wird noch heute von meinen Söhnen brüderlich geteilt und mit Begeisterung verspeist. :-)

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  7. Dass viele Lebensmittel statt in einem Magen im Müll landen, ist bekannt. Dass es so viel ist, dass man davon die Weltbevoölkerung ernähren kann, erschreckt mich jetzt.
    Zugegeben, auch wenn ich peinlichst versuche, das wegwerfen von lebensmitteln zu vermeiden, gelingt es mir leider nicht immer.
    Aus aktuellem Anlass habe ich kürzlich Gurke, Salat und Radieschen in der Biotonne entsorgt :o(

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  8. Das Schnitzel-Ei war bei uns ein Kotelett-Ei. Und wirklich das Beste am ganzen Essen. Lag wahrscheinlich daran, dass es im Kotelett-Bratfett gebraten wurde. Danke für´s Erinnern!

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  9. Bei uns gab's das nicht, dieses Schnitzelei. Nach dem ich im bekannten Forum mal drüber gelesen hab, hab ich's ausprobiert. Mal was anderes ;-). Wir haben uns früher immer ums Salatherz gestritten. Das wurde dann auf den Millimeter genau halbiert.

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