Ja, Mensch, regt Euch mal ordentlich auf! Ist doch wahr! Verschaukelt werden wir nach Strich und Faden! Das soll einem nicht die Hutschnur hochgehen! Pferdefleisch in der Lasagne! Brötchen in der Frikadelle! Pangasius in der Gastronomie! Pestizidrückstände im Wein! Spinne in der Yuccapalme.
Denn Empören ist wichtig, schon wegen der Gesundheit. Nicht
ausgelebte Empörung führt zu Magen-, Herz- und Kreislaufbeschwerden. Und korrekte
Empörung gibt einem das gute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen, zu den Guten zu gehören, denn wenn sich so viele empören, dann ist da schon was dran –
muss ja.
Richtiges Empören will aber gelernt sein. Und da wir ein
serviceorientiertes Blog sind, gibt es hier den ultimativen 180°-Empörungseinführungskurs.
Also erst mal suchen wir ein Thema. Eine ordentliche
Empörung braucht keinen Grund, ein Thema reicht. Das kann ein Werbespot
sein, in der ein groß gewachsener junger Mann in der Metzgerei eine
Wurstscheibe bekommt "damit er groß und stark wird!" oder ein mäßig
unterhaltsamer Artikel einer Frauenzeitschriftsredakteurin über skateboardfahrende Enddreißiger, man muss nur die Ungeheuerlichkeit der Aktion, die persönliche Betroffenheit
und die politische Unkorrektheit der Aussage betonen. Dabei kann man zunächst ruhig etwas schwammig bleiben, die Meute erledigt schon
den Rest.
Besser ist natürlich ein richtiger Grund, eine veritable
Sauerei möglichst mit kriminellem Hintergrund, wobei allerdings die Empörungsforschung
noch sehr in den Kinderschuhen steckt und über die Gesetzmäßigkeiten weitgehend
Unkenntnis herrscht, aufgrund derer ein Thema als Empörungsauslöser geeignet ist bzw.
wirklich zu einer handfesten Empörung führt und welche Themen trotz höchsten
Potenzials auch nicht den kleinsten medialen Aufschrei verzeichnen können.
Natürlich, Sex/ismus oder wenigstens was mit Frauen geht immer.
In jedem Fall muss die Empörung wirkungsvoll arrangiert werden, da ist das Publikum heute schon anspruchsvoll geworden. Dabei ist wichtig, das Thema mit markanten und vor allem leicht verständlichen Slogans zu versehen und drastisch in Szene zu setzen. Mit anklagendem Unterton und klar verteilten Rollen
von Gut und Böse (dazwischen gibt es nichts, schon der besseren Unterscheidbarkeit
wegen) auf ein unberechen- und unbeeinflussbares Schicksal hinweisend, das seinen Lauf
nimmt und dem wir hilflos ausgeliefert sind, verkörpert durch "die
Politik", "die Banken", "die Industrie" oder
wenigstens "die Gesellschaft". Und am Ende steht die Katastrophe!
Immer! Und was für eine! Wir haben es ja schon immer gewusst! Wir werden alle sterben!
Ihren Niederschlag finden muss die Empörung auf den Onlineseiten der
einschlägigen Presse (wozu unterhalten die sonst die Kommentarfunktion), sowie "im Internet" hier vertreten durch
facebook, twitter, Google+ oder das Lieblingsforum, um nur die Wichtigsten zu
nennen. Das ist das Praktische an der neuzeitlichen Empörung, es geht alles von
zu Hause aus, genau wie Schuhe oder Bücher kaufen (ach nee, Bücher geht ja im Moment gerade nicht, aber das wird schon wieder – siehe weiter unten) oder auch
Wein oder Wäscheklammern.
Nehmen wir mal als Beispiel die Currywurst bei McDonalds, was hätte da bei
richtiger Inszenierung alles draus werden können, ein richtiger Shitstorm.
Es hatte alles so gut angefangen. Die Meldung wurde lanciert,
die ersten Kommentare erschienen und nun hätte es einer konzertierten Aktion
empörungsbereiter Menschen bedurft, um die Sache richtig ins Rollen zu bringen. Es muss dann nämlich
alles ganz schnell gehen: Postings auf der facebook-Seite des Unternehmens,
Kommentare bei den Onlinepublikationen mit Verlinkung aufs eigene Blog, wo man in
einem Artikel mit wohl gesetzten Worten nicht weniger als den Untergang des
christlichen Abendlandes beklagt (wichtige Vokabeln: "Die Deutschen sind
ja immer…", "Verbrecher aus Berlin/Brüssel/Washington" – wichtig im allgemeinen Empörungszusammenhang: Moskau, Tokio oder Peking funktioniert nicht! " Neidkultur!",
"Geiz ist geil!" usw.). Im vorliegenden Fall wäre die Redewendung von
der Vergewaltigung eines deutschen Essensklassikers durch das profitgierige und
Regenwald zerstörende (oder Mitarbeiter ausbeutende, oder beides) Unternehmen,
oder auch der Untergang der deutschen Imbisskultur nicht nur angemessen sondern
absolut erforderlich gewesen. Hilfreich auch kleinere Nebenkriegsschauplätze über den Anspruch, in seiner Region die einzig wahre richtige Currywurst zu beherbergen, wenn man aus Hamburg, Berlin oder Bochum stammt.
Eigentlich sind global agierende vor allem amerikanische Unternehmen eine Bank, so shitstormtechnisch gesehen. Vorsicht ist nur geboten bei Apple und facebook, ersteres hat nicht nur einen großen Feindeskreis sondern auch eine immens große Fangemeinschaft – übrigens genau wie der Thermomix, aber das ist eine schlechte Ausgangslage für den Netzempörungsanfänger, um hier etwas zu bewegen, dazu muss man schon lange im Geschäft sein. Und bei facebook sind wird ja alle mehr oder weniger, selbst der Leo.
Eigentlich sind global agierende vor allem amerikanische Unternehmen eine Bank, so shitstormtechnisch gesehen. Vorsicht ist nur geboten bei Apple und facebook, ersteres hat nicht nur einen großen Feindeskreis sondern auch eine immens große Fangemeinschaft – übrigens genau wie der Thermomix, aber das ist eine schlechte Ausgangslage für den Netzempörungsanfänger, um hier etwas zu bewegen, dazu muss man schon lange im Geschäft sein. Und bei facebook sind wird ja alle mehr oder weniger, selbst der Leo.
Wichtig ist, dass die Empörung, die sich zum Shitstorm
auswachsen soll, auch Erwähnung in den klassischen Medien, in Funk, Fernsehen
oder Tageszeitung findet. Meistens freuen sich die dort arbeitenden
Journalisten über kleine Hinweise, denn sie müssen ja immer irgendwie ihre
Rubriken "Vermischtes" oder die letzten 90 Sekunden einer
Nachrichtensendung mit irgendwas füllen. Ein kleiner Link auf der Facebookseite
eines Senders/einer Zeitung reicht, irgendein Praktikant wird dort immer
abgestellt, um das Netz nach Verwertbarem zu durchforsten, und der freut sich über jeden Fund. Als
flankierende Maßnahme muss, wenn sich erste Abnutzungserscheinungen am Thema
zeigen, mit einer Online-Petition nachgeholfen werden, hier ein Beispiel für eine solche.
Und ganz wichtig: Ein vernünftiger Shitstorm braucht sein Timing, zwischen Sexismusdebatte, Papstrücktritt, Amazonskandal und Pferdelasagne
kann man einfach nicht auch noch eine Currywurst reinschieben, selbst wenn sie
vom Hoeneß kommt, was eigentlich als Verstärkerfunktion mehr als ausgereicht
hätte. Man hätte im vorliegenden Fall lediglich auf ein Shitstormsommerloch
warten müssen und ihn dann lancieren. Denn, der Anlass muss keinesfalls ein
aktueller sein. Irgendwer findet immer etwas in den Tiefen des Netzes, das man
mal wieder aufwärmen kann, es muss noch nicht mal richtig wahr sein.
Natürlich braucht jede Empörung ein paar kritische und besonnene Gegenstimmen, schon weil - ja warum eigentlich? Nun ja, sieht dann auch richtig demokratisch aus. Aber ihrem Wesen nach ist die großangelegte mediale Empörung eine Einbahnstraße.
Natürlich braucht jede Empörung ein paar kritische und besonnene Gegenstimmen, schon weil - ja warum eigentlich? Nun ja, sieht dann auch richtig demokratisch aus. Aber ihrem Wesen nach ist die großangelegte mediale Empörung eine Einbahnstraße.
And now the shit has hit the fan: Gewonnen hat man, wenn das bestürmte Unternehmen oder die Person/Institution sich zu Äußerungen genötigt sieht, Abhilfe oder Wiedergutmachung verspricht, Gegendarstellungen und Klarstellungen veröffentlicht ("… eine Gefährdung der Bevölkerung hat zu keinem Zeitpunkt bestanden …", "… werden die Zustände umgehend untersuchen … ") oder sonstwie versucht, die Sturmwogen zu glätten oder sogar personelle Konsequenzen zieht. Denen glaubt keiner was, selbst wenn es der Wahrheit entspricht; wer reagiert hat Unrecht und wer im Auge des Shitstorms steht, ist der Böse.
Jede mediale Empörung, jeder Shitstorm hat eine natürliche
Lebensdauer, in der Regel liegt diese bei zwei bis vier Wochen, letzteres ist
schon ein Spitzenwert. Danach ist alles gesagt, von allen und mehrfach und nur
noch langweilig. Shitstorming ist übrigens durch und durch olympisch: Dabeisein
ist alles! Hauptsache, man hat auf der richtigen Seite gestanden und von ganz
vielen Leuten Recht bekommen und ein "gefällt mir". Und irgendwann
muss man auch nicht mehr zu seinen Ankündigungen stehen, wen oder was man alles ob seiner Verfehlungen boykottieren, abwählen oder ignorieren wird.
Und die Zuschauer dieser Ereignisse lehnen sich zurück und
beobachten das Ganze amüsiert, wetten mit sich, wie lange die Empörung wohl
noch anhält und welche Sau als nächstes durchs Dorf getrieben wird.
A propos Sau
Natürlich gibt es heute auch einen Wein, ist ja schließlich
Freitag.
Die Verkostungsnotiz ist schon ein wenig älter (etwa drei
Jahre), die Flasche auf dem Bild ist die letzte ihrer Art in unserem Keller und
ich möchte sie für eine besondere Gelegenheit aufbewahren. Mit letzten
Flaschen ist es ja so eine Sache, das letzte Mal, Abschied nehmen von einem
lieb gewonnen Wein und das Bewusstsein, etwas Besonderes, Unwiederbringliches
zu genießen. Ich bin mir aber auch darüber im Klaren, dass ich mich damit jetzt beeilen muss, denn auch ein Wein hat seinen Lebenszyklus und es macht keinen Sinn, jeden Wein auf Teufelkommraus liegen zu lassen.
Früher haben wir sie immer scherzhaft "Kalte Sau"
genannt, die Rieslinge aus der bekannten Nordpfälzer Lage "Kallstadter
Saumagen" von Koehler-Ruprecht und der
Koehler-Ruprecht, Pfalz
gehört den Großen, die diese Lage hervorgebracht hat, auch wenn er nicht ganz an die Auslese heran reicht, für die man ohne sich dafür zu schämen Vokabeln wie "grandios", "monolithisch" oder "einzigartig" verwenden darf. Bei der Auslese hätte ich auch noch gar keine Bedenken bezüglich längerer Lagerung. Für die Spätlese ist ein "exzellent" aber auch durchaus angemessen.
Die Farbe hat sich ein wenig in ein dunkleres Goldgelb
verwandelt, der Duft ist zunächst verhalten nach Pfirsich, nach Blüten, nach
Kräutern, die zarte Mineralik, die sich später am Gaumen stärker zeigen wird,
ist schon feststellbar.
Der erste Schluck ist noch ein Herantasten. Wie
schreibt Torsten
so richtig "Ein guter Wein muss immer eine Geschichte erzählen". Der Wein erzählt seine Geschichte, von der Pfalz, ihren typischen manchmal etwas kantigen Rieslingen, bodenständig, vielschichtig, klar.
Im Mund eine saftige fast weiche Textur, alle Aromen, der Pfirsich,
die Küchenkräuter, Mineral, sind sehr präsent und klar definiert, eine erste Sherrynote, dazu eine
stützende im Hintergrund wirkende Säure, ein langer Abgang, der alle Aromen noch einmal bündelt und lange anhält.
Das Gut wurde im Jahr 2010 verkauft, nachdem es über 300
Jahre in Familienbesitz war; Bernd Philippi (weil die Familie Ruprecht in den
letzten Generationen ähnlich wie das Haus Oranien in den Niederlanden
hauptsächlich Mädchen hervorbrachte, ist der Name leider schon früher verloren
gegangen) ist noch beratend tätig und es bleibt zu hoffen, dass es auch
weiterhin Weine von dieser Qualität geben wird.
So, jetzt ist aber genug für heute!


Made my day! Und ich habe JEDES Wort gelesen :)
AntwortenLöschenAußerdem bin ich auch für Tierschutz in Moldawien!
(Wie Du siehst, bin ich sogar einigen links gefolg)
... auch das Schicksal des Miniaturbullterriers in Sachsen hat mich tief berührt.
LöschenOh bitte nicht schon wieder was über die Pferdelasagne, hab ich mir bis zu den Brötchen in der Frikadelle gedacht, aber glücklicherweise nicht aufgehört zu lesen. Genau der Artikel, den ich gebraucht habe um mich NICHT aufzuregen, oder vielleicht ein bisschen doch.
AntwortenLöschenWie leer manche Leben sein müssen um sich über eine Scheibe Wurst in der Werbung zu echauffieren, über Witze, die es schon gegeben hat, als ich noch ein Kind war, oder über eine persönliche Meinung einer einzelnen Person... Es ist einfach ein Wahnsinn. Manche investieren wahnsinnig viel Zeit um einen Ruf von jemandem, den sie gar nicht kennen, zu ruinieren. Wenn sie die Zeit zum nachdenken und richtigen Recherchieren nutzen würden, würde uns so einiges erspart bleiben.
Ja, viele merken nicht, dass das Pferd, das sie reiten, schon lange tot ist (wenn mir diese Plattitüde noch gestattet ist).
LöschenDas zeichnet halt euren serviceorientierten Blog aus, dass ihr zum richtigen Zeitpunkt mit den richtigen Ratschlägen parat steht!
AntwortenLöschenSich ordentlich und publikumswirksam empören zu können ist ja nun eine Fähigkeit, ohne die man in der modernen Welt nicht zurechtkommt, die aber vielen, speziell uns Deutschen, nach wie vor schwer fällt. Selbst wenn es "nur" um die digitale Empörung im Netz geht. Wohingegen bekanntlicherweise der Franzose schon auf kleine Empörungsreize mit sehr analogen brennenden Autoreifen und Straßenbarrikaden reagiert.
Ich muss gestehen, auch mir geht eine richtige Empörung nicht ganz so leicht von der Hand. Ich wollte mich z.B. eigentlich darüber empören, dass unglaublich viele Blogs versucht haben die Pferdefleischskandalempörung zu nutzen, sich selbst ein bisschen wichtiger zu machen. Hat aber bei mir leider nur zu einer kleinen Zynismusattacke gereicht. Oder ich laufe blöderweise bei Themen zur Empörungshochform auf, bei denen meine Umwelt sich noch nicht einmal zu einer billigen Internetpetitionsunterschrift aufraffen kann.
Aber jetzt werde ich am Wochenende nochmal die 180° Empörungsanleitung durcharbeiten. Dann klappt das.
Ich hab‘ sogar noch eine 1998er Köhler Rupprecht Auslese.
Demnächst bieten wir auch Workshops mit Rollenspielen an. Es sind noch Plätze frei.
LöschenWelch epochaler Exkurs in die Königsdisziplin der monolateralen Kommunikation! Je öfter ich mir diese wertvollen Handreichungen durchlese, desto mehr Feinheiten sind zu entdecken. Es bleibt halt einfach dabei: „Lerne zu Klagen ohne zu Leiden!“
AntwortenLöschenWelch Vergnügen in dieser Lektion neu bestärkt worden zu sein! O:-)
"Lerne zu klagen, ohne zu leiden!" die Königsdisziplin der Rechtsanwälte.
LöschenNach dem Gaul nun auch noch die Bio-Eier...
AntwortenLöschenJetzt kann man sich gleich nochmals empören, quasi die doppelte Dröhnung.
Ja, und wenn die Frau Aigner dann wieder mit einem 10-Punkte-Plan kommt, noch ein drittes Mal.
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