Letzter Freitag im Monat – und wieder ist Weinrallye. Die
erste, die nicht mehr über Thomas Lipperts Winzerblog organisiert wird. Thomas
wird dieses Blog still legen und hat neue Projekte im Sinn. Derzeit ist ja so
einiges in der Bloggerszene im Umbruch. Thomas, von dieser Stelle alles Gute, viel Glück für die neuen Vorhaben, die Du im Sinn hast!
Gastgeber ist heuer wiederum Peter Ladinig, den muss ich nicht mehr vorstellen, den kennt Ihr ja sicher noch von der "Wein und Gastronomie" -Weinrallye.
Gastgeber ist heuer wiederum Peter Ladinig, den muss ich nicht mehr vorstellen, den kennt Ihr ja sicher noch von der "Wein und Gastronomie" -Weinrallye.
Der Gastgeber darf das Thema wählen und er hat für diesen
Monat ausgegeben "exotische Weine", im Ausschreibungstext steht
folgendes "Es geht um Weine aus fernen Ländern, wo man eigentlich keinen
Wein vermuten würde. Ebenso geht es aber auch um unbekannte Weine und Rebsorten
aus bekannten Regionen."
Exot! Nicht dass das demnächst auch zum bedenklichen
Vokabular gehört, das ersetzt gehört. Exot ist ja schließlich so etwas wie ein
Außenseiter, der sich von der "Norm" seiner Umgebung unterscheidet,
ihr fremd ist. In seiner Heimat ist der Exot in den allermeisten Fällen keiner,
erst der geänderte Kontext macht ihn dazu. Und wenn mir in der Fremde etwas
exotisch vorkommt, dann bin doch eigentlich ich selber der Exot. Exot, aus dem Lateinischen, bedeutet
übersetzt schlicht "der/das Ausländische", danach müsste der
Montepulciano in Gelsenkirchen genossen bereits Exot sein.
![]() |
| Wikimedia Commons Licence |
So wie inzwischen ganze Populationen entflogener Papageien
und Kanarienvögel die Stadtparks besiedeln und einheimischen Vögeln das Leben
schwer machen, so dringen auch (das sei der Klimawandel) "exotische Rebsorten" in
die gemäßigten Breitengrade. Wo einst nur Riesling und Spätburgunder gediehen,
breiten sich nun Sangiovese, Syrah oder Sauvignon blanc aus. Und die
Weinbaugrenze verschiebt sich nach Norden. In Dänemark wird schon lange nicht mehr
nur Erdbeerwein erzeugt.
![]() | |
| Wikimedia Commons Licence |
Und dann die Globalisierung. Selbst das chinesische Massenprodukt
"Great Wall", sozusagen der Gallo Chinas, steht inzwischen schon in deutschen
Supermärkten, für 3.99 und egal ob süß und weiß oder trocken und rot,
aufgespritet oder prickelnd, er sieht nicht so aus, als ob ich ihn
probieren möchte.
Den sicherlich exotischsten Wein habe ich in Togo getrunken,
Palmwein, vergorener Saft aus Palmenblüten, von der Großmutter meines
Gastgebers persönlich angesetzt, eher an Federweißen erinnernd und mit der
gleichen durchschlagenden Wirkung auf die Verdauungsorgane. Und geschmacklich
war es wirklich nicht mein Ding, säuerlich, etwas muffig, wahrscheinlich war er
bereits auf dem besten Weg zum Palmessig.
Dafür nehm ich Euch mit den Urlaub, nur knapp vier
Flugstunden von hier entfernt, auf die kleine Kanareninsel Lanzarote. Dort
angekommen hat man den Eindruck, man sei in einer anderen Welt, wenn nicht gar
auf einem anderen Planeten.
![]() |
| Wikimedia Commons Licence |
Die Insel verdankt ihr heutiges Aussehen einer Reihe von
verheerenden Vulkanausbrüchen, der längste dauerte über 2000 Tage (von 1730 bis
1736), der letzte schwere datiert aus dem Jahr 1824, dazwischen kam es noch zu
einigen Dürrejahren in dem ohnehin mit
nicht sehr viel Niederschlag gesegnetem Eiland. Das Leben der wenigen
Überlebenden war hart, gerade die fruchtbarste Gegend, in der die meisten Felder und Viehhöfe lagen, waren der Lava zum Opfer gefallen. Don Andrés Lorenzo Curbelo, der Pfarrer von Yaiza, war während dieser
gesamten Zeit an sein Haus gefesselt und hat die Ereignisse in einer
erschütternden Schrift festgehalten. Das Büchlein ist fast nur noch in
Buchhandlungen auf den Kanaren zu finden, es liegt sogar in deutscher
Übersetzung vor (“Cuando ardieron los Vulcanes” oder “Als
die Vulkane Feuer spien” deutsche ISBN 978-84-89023-31-4).
![]() |
| Wikimedia Commons Licence |
Aber der Mensch lässt sich nicht unterkriegen. Ganz langsam trotzten die Lanzaroteños ihrer Heimat wieder etwas Acker- und Weinbau ab, auch Ziegen wurden wieder gehalten (wer möchte nicht ein leckeres Stück Käse zum Wein naschen) und entdeckten dabei die besonderen Eigenschaften der Lavaasche, die nun mehr als zwei Drittel ihrer Insel bedeckte. Diese heizt sich tagsüber auf, ist aber ein schlechter Wärmeleiter, d.h. die Wärme wird nicht an das tiefer liegende Erdreich abgegeben, außerdem saugt sie die Feuchtigkeit aus der Luft auf wie ein Schwamm und bringt diese an die Wurzeln der Pflanzen.
![]() |
| Wikimedia Commons Licence |
Um die Rebstöcke vor den zum Teil sehr heftigen Passatwinden zu schützen, wird jede einzelne Pflanze in eine Mulde gepflanzt, um die ein kleiner Schutzwall aus Geröll gebaut wird. Und einen Vorteil – weinbautechnisch gesehen – hatte diese gottverlassene Lage, die Insel ist von der Reblauskatastrophe verschont geblieben. Auch die Passatwinde haben durchaus ihr Gutes, sie verhindern die Bildung von Feuchtigkeit und Staunässe an der Pflanze, insofern sind die Geißeln des Weinbaus wie Mehltau und Graufäule recht selten.
![]() |
| (C) Bodegas El Grifo |
Die älteste Bodega der Insel, El Grifo (der
Greifvogel) nahe San Bartolomé, wurde 1775 gegründet und existiert heute noch,
immer noch in Familienbesitz, inzwischen professionell modernisiert. Sie
beherbergt auch ein kleines Museum, das die alten Gerätschaften und Pressen zeigt,
inzwischen dominieren aber Stahltanks und ein Holzfasskeller die Produktion.
Und immer mehr Rebflächen sind enger bestockt und nicht mehr nach der
traditionellen Trockenfeldmethode angelegt. (Und ein paar Daumenrechnungen über
Rebfläche – Lanzrote besitzt ca. 2300 ha – und Output, alleine El Grifo erzeugt etwa 500.000
Flaschen pro Jahr und gibt eine Rebfläche von etwa 65 ha an – bringen mich zu
der Annahme, dass auch Traubenzukäufe, ich vermute aus Teneriffa, stattfinden). Die besonderen Gegebenheiten lassen übrigens nichts anderes als Handlese zu.
(Ergänzung: Ich erhielt heute -26.01.13- eine eMail der Bodega. Sie kaufen von ungefähr 200 kleinen Weinbauern Trauben hinzu, allerdings alle aus Lanzarote. Nur wenn das gesamte Lesegut aus Lanzarote stammt, darf der Wein die Ursprungsbezeichnung D.O. Lanzarote tragen. Ich ergänze dies gerne und danke für die Aufklärung).
(Ergänzung: Ich erhielt heute -26.01.13- eine eMail der Bodega. Sie kaufen von ungefähr 200 kleinen Weinbauern Trauben hinzu, allerdings alle aus Lanzarote. Nur wenn das gesamte Lesegut aus Lanzarote stammt, darf der Wein die Ursprungsbezeichnung D.O. Lanzarote tragen. Ich ergänze dies gerne und danke für die Aufklärung).
![]() | |
| alte Traubenpresse im Weinmuseum (C) Bodegas El Grifo |
Angebaut werden hauptsächlich die lokalen Rebsorten, Malvasia
für die Weißweine und als rote Sorte Listan Negro, dazu etwas Syrah, die dem
Standardrotwein ein gutes Gerüst und eine feine Kirschnote verleiht, außerdem
Moscatel für einen aufgespriteten Süßwein.
Dass man in Lanzarote inzwischen hauptsächlich vom Tourismus
lebt, ist auch bei einer Besichtigung von El Grifo deutlich, vor allem in
Hochsaisonzeiten nutzen viele Besucher der Insel die Gelegenheit, einmal etwas
anderes zu sehen als Sonne, Strand und Meer, die örtlichen Ausflugsanbieter
haben sich darauf eingestellt. Insofern ist man eher auf weniger fachkundiges
dafür aber probierinteressiertes Publikum eingerichtet. Es gibt ja auch einiges
zu sehen, neben den weinrelevanten Dingen z.B. auch die angeblich älteste Palme
der Insel, die soll sogar einige Vulkanausbrüche überlebt haben.
![]() |
| (C) Bodegas El Grifo |
Das tut den Weinen aber keinen Abbruch. Der einfache
trockene Malvasia (siehe Bild links) war einen wunderbaren Urlaub lang unser ständiger Begleiter.
Abends nach einem erholsamen Strandtag als Sundowner, vor dem Essen als gut
gekühlter Aperitif oder auch zu gegrilltem Fisch, einfach perfekt. Der
kann übrigens auch recht gut mit Tomaten oder Artischocken, was ja noch längst
nicht jeder Wein von sich behaupten kann, unsere Lieblingskombination mit dem seco war allerdings ein lauwarmer Salat von Babyoctopus. Wässrig helles gelbgrün, in der Nase
Fruchtaromen und florale Noten, am Gaumen frische Säure, Grapefruit und
Mangoaromen, Beerennoten, im Abgang eher kurz. Das, was man einen klassischen
Sommerwein nennt. Den bekommt man übrigens auch in Deutschland.
Es darüber hinaus einen fassausgebauten Malvasia "sur
lie", der für mindestens vier
Monate auf der Gärhefe liegt. Der ist komplexer, schon der Duft aus dem Glas
ist intensiver, Zitrusfrüchte, Trockenobst, Gewürze, am Gaumen schmelzig, ein
wenig sprittig was sich nach ein wenig Luftzufuhr legt, angenehme Zitrusfrucht,
Vanille, Kernobst, und eine zarte Mineralnote. Der passt unter anderem
wunderbar zum lokalen festen Ziegenkäse, dem Queso Tierno.
Den hauseigenen Schaumwein habe ich nicht probiert.
Dafür habe ich mich lieber mit den Rotweinen beschäftigt.
Die Rebsorte, Listan Negro, die autochthone Rebsorte der Kanarischen Insel,
erschien mir bei meinen vergleichenden Proben (auch anderer Erzeuger, auf
Lanzarote gibt es außer El Grifo noch etwa 20 andere) nicht immer gleich zugänglich. Die Basisweine, häufig mit Negramoll verschnitten, allerdings nicht
bei el Grifo, waren ein wenig plump und rustikal, durchaus aromatisch,
allerdings auch mit mindestens 13 vol% Alkohl gesegnet. Diese Wein
repräsentieren, teilweise auf durchaus charmante Weise, den klassischen
Grenzwein.
![]() |
| (C) Bodegals El Grifo |
Ein schon anderes Format hat der holzfassausgebaute Listan
Negro (Tinto barrica, siehe Bild links), der für etwa 4 Monate in Barrqiues aus französischer oder amerikanischer
Eiche gelegen hat. Diese Verweilzeit ist durchaus ausreichend, so gibt das Holz
dem Wein eine feine Geschmeidigkeit, die Aromen sind aber nicht zu dominant,
sie lassen noch Platz für Aromen von schwarzen Johannisbeeren, Heidelbeeren,
Pfeffer und ein etwas Mineral, der Körper ist eher mittelschwer und der
Gaumeneindruck wird von einem etwas rau-sandigen Tannin dominiert, der Abgang ist
mittellang und etwas wuchtig. Dieser Wein passt hervorragend zu geschmortem
Kaninchenragout oder geschmorter Zickleinkeule mit viel Knoblauch, er zeigt bei
Gerichten mit kräftiger Würzung seine besten Seiten – ein wunderbares Stück
Lanzarote.
Da der Urlaub nun (leider) schon wieder einige Jahre zurück liegt, habe ich auf Jahrgangsangaben verzichtet. Der Weißwein sollte spätestens ein Jahr nach Füllung ausgetrunken werden, die einfachen roten nach etwa drei und der Tinto barrica kann sicher fünf bis sieben Jahre lang Trinkvergnügen bereiten.
Natürlich darf im Zusammenhang mit Lanzarote die Erwähnung César Manriques nicht fehlen, der die Insel, wie sie sich heute präsentiert, maßgeblich gestaltet
hat. Der Architekt, Maler und Bildhauer war auch ein Visionär, er hat bereits
die Notwendigkeit eines Natur- und Landschaftsschutzes erkannt, als überall
sonst in Spanien und auf seinen Inseln Bausünde um Bausünde entstand. Er hat
für Lanzarote das Schlimmste verhindert, aber leider verblasst die Erinnerung
an ihn und seine Vision immer mehr. Hoffentlich verschwindet sie nicht ganz. Manrique
hat auch das Logo der Bodega, der Greif- oder Drachenvogel, entworfen, die
Flaschenetiketten gefallen mir übrigens ganz gut, aber komm mir jetzt keiner
mit meiner Etikettentheorie.
Übrigens: Ich hab im ganzen Text über Lanzarote und die Weine nicht einmal das Wort "exotisch" verwendet.
Der wunderbare Peter Züllig aus der Schweiz schreibt über einen Wein aus China und gegen das Vorurteil, dass es im Reich der Mitte noch nicht gelungen sei, trinkbare Weine zu erzeugen
PS: Irgendwas vergisst man ja
immer, wenn man in Urlaub fährt, die Zahnbürste oder den Badeanzug, dieses Mal
war es die Kamera, weswegen es für diesen Beitrag keine selbst geschossenen
Fotos gibt. Was ja bei der bekannten Quali- und Originalität meiner Fotos kein
großer Verlust ist. Dafür habe ich mich bei den Wikimedia Common Licence
Grafiken bedient. Die Benutzung der Fotos der Bodega el Grifo und ihrer Weine
wurden mir freundlicherweise gestattet. An dieser Stelle nochmals meinen ganz
herzlichen Dank an Frau Regina Mendiondo, nach deren Emails ich gleich am
liebsten meine Koffer gepackt und mich wieder auf diese zauberhafte Insel
aufgemacht hätte. Frau Mendiono hat mir so viele Bilder geschickt, das reicht
noch für 3 Beiträge - gracias!
Hinter diesem Link finden sich die Beiträge der anderen
Rallyeteilnehmer:
Die Teilnehmer der 59. Weinrallye (wird nach und nach
ergänzt)
Erster - wie immer, hätt ich fast geschrieben - Christian
Schiller mit der Beschreibung von neun exotischen Weinbauregionen, von
Madagaskar bis China, Und dass Exotik immer auch eine Frage des Standpunktes
ist, zeigt, dass er von Amerika aus auch Saale-Unstrut dazu zählt.
Ralf Kaiser (dessen Fotos müsst Ihr Euch anschauen) stellt
einen brasilianischen Chardonnay vor.
Der wunderbare Peter Züllig aus der Schweiz schreibt über einen Wein aus China und gegen das Vorurteil, dass es im Reich der Mitte noch nicht gelungen sei, trinkbare Weine zu erzeugen
http://www.sammlerfreak.ch/wein-1/wein-rallye/rallye-59-exotische-weine/
Und noch ein Beitrag auf Ralf Kaisers Blog, ein Gastbeitrag von Marc Herold über eine unverhoffte Weinentdeckung in Cleveland
http://www.weinkaiser.de/gastbeitrag-sturm-hagel-und-riesling-%E2%80%93-weine-vom-erie-see/
Und Niko Medenbach von drunkenmonday präsentiert Pallagrello und klär gleich auf. Das ist kein Schinken, auch wenn man gleich an Pata negra denken muss
http://drunkenmonday.wordpress.com/2013/01/25/kampanische-weinbaugeschichte-pallagrello-bianco-pallagrello-nero/
Und noch ein Beitrag auf Ralf Kaisers Blog, ein Gastbeitrag von Marc Herold über eine unverhoffte Weinentdeckung in Cleveland
http://www.weinkaiser.de/gastbeitrag-sturm-hagel-und-riesling-%E2%80%93-weine-vom-erie-see/
Und Niko Medenbach von drunkenmonday präsentiert Pallagrello und klär gleich auf. Das ist kein Schinken, auch wenn man gleich an Pata negra denken muss
http://drunkenmonday.wordpress.com/2013/01/25/kampanische-weinbaugeschichte-pallagrello-bianco-pallagrello-nero/
Nach China nun auch Japan, ein faszinierender Beitrag von Jürgen
Schmücking.
Der Veranstalter entführt uns nach Georgien.
Torstens Blog gehört ja in jede Blogroll und um dieses
Trinkerlebnis beneide ich ihn sehr. Man sieht, man braucht gar nicht weit zu
reisen für die Exotik.
Slowenien gegen Wonnegau, die Weinwelt wächst zusammen
Nein, kein Zitronenlikör, Simoncelli!
Und noch einmal Spanien, SierraNevada.
http://kochbuchfuermaxundmoritz.blogspot.com.es/2013/01/weinrallye-59-exotische-weine-blanco-de.html










Wow... ganz mein Ding. Gefällt mir, die Reflexion und spricht mir aus dem Herzen. Vor allem auch der Satz: "Ich hab im ganzen Text über Lanzarote und die Weine nicht einmal das Wort "exotisch" verwendet."
AntwortenLöschenVor ganz langer Zeit, und zwar in dem Vorgänger-Blog zu meinem jetzigen habe ich über El Grifo geschrieben. Und zwar im Rahmen der Weinrallye Nummer 4: http://weinwelt.twoday.net/stories/4336491/
AntwortenLöschenWie die Zeit vergeht.