Mittwoch, 1. Juni 2011

Die Côte d'Azur, Gunter Sachs, Versuch eines Nachrufs und zu verstehen, was man nicht verstehen kann

Côte d'Azur, Küste des Lichts…. Was ein paar reiche Engländer, die dem unwirtlichen Wetter und dem mittelmäßigen Essen ihrer splendid isolation entfliehen wollten, vor zwei Jahrhundertwenden entdeckten, suchen noch heute Hunderttausende Touristen jährlich. Nizza, Monte Carlo, Cannes, St. Tropez – diese Namen stehen für das süße Nichtstun am Meer, auf teuren Yachten, in ebenso erlesenen wie versteckten Restaurants und Hotels, für ein bisschen Frivolität und französische Libertinage.  Côte d'Azur = Jet Set. Die Gleichung steht noch immer.

Auch wenn die Côte d'Azur ihren Weg ebenso in den Massentourismus gefunden hat und man neben der auffälligen Rolls-Royce- und Maseratidichte betagte Wohnanhänger, Bierbäuche notdürftig in T-Shirts gezwängt, Badeschlappen und Lidl-Filialen findet.

Oder man findet irgendwo das ganze normale südfranzösische Städtchen mit Platanen gesäumtem Bouleplatz und Hôtel de Ville, der PMU-Bar, Bäcker, Metzger und dem kleinen Casinosupermarkt (der große liegt verkehrsgünstig am Ortseingang neben Decathlon, Buffalo Grill und zahllosen Poterien).

Ein Mann hat in Deutschland die Vorstellung von der Côte d'Azur und vor allem dem kleinen Örtchen St. Tropez entscheidend geprägt, Gunter Sachs, Sohn einer fränkischen Industriellenfamilie und von Beruf als erstes mal ein solcher -  nahm man jedenfalls gemeinhin an. Dass er auch studierter Mathematiker war passte nicht so recht ins Bild, sogar was Ordentliches hat er gelernt, nämlich eine Mechanikerlehre abgeschlossen,  und ein Dolmetscherdiplom besaß er auch. Mit diesen Fähigkeiten und Kenntnissen, sowie seinem Charme und seiner Zielstrebigkeit (mit der er z.B. "die" Bardot eroberte, wir wissen ja wie die Geschichte ausgegangen ist) hätte er jeden Konzern der Welt leiten können. Ein eigenes Modeunternehmen hat er aufgebaut und geleitet, bis er es an eine japanische Gruppe verkaufte. Ein durchaus beachtetes Werk über Astrologie und Statistik hat er geschrieben. Bis 1980 gehörte er auch dem Aufsichtsrat der Fichtl und Sachs AG an. Also von wegen nur Nichtstun.

Doch das interessierte die Öffentlichkeit weniger. Sachs war "unser" Playboy. Er brachte die Sehnsucht nach Luxus, nach Müßiggang, nach ewigem Spaß in die Nachkriegswohnzimmer zwischen Sportschau und Wirtschaftswunder. Die Empörung über seinen angeblich freizügigen Lebenswandel fiel meistens eher zaghaft, mehr pflichtschuldig  und reichlich halbherzig aus, eigentlich hätte man an seinem (öffentlich kolportierten) Lebenswandel gar nichts auszusetzen gehabt, wenn man selber der Glückliche gewesen wäre. Und ein bisschen stolz waren wir auch auf ihn, dass es auch ein Deutscher war (obwohl Sachs ebenso die schweizerische Staatsangehörigkeit besaß), bei dem die Reichen und Schönen des internationalen Jet Set sich die Klinke in die Hand gaben; zeigte es doch auch, dass wir Deutschen noch etwas anderes konnten als arbeiten und Samstags die Straße kehren, Fußball spielen, Autos bauen und Sauerkraut mit Eisbein auftischen.

Sachs soll selber einmal gesagt haben, dass er eigentlich gar nicht wisse, was ein Playboy sei. Und was zunächst als charmant-arrogante Abfuhr einer plumpen Frage wirkt, hat auch eine tiefere Wahrheit. Playboy? Einer, der nur spielen will? Dem nichts ernst ist? Playboy? Wenn wir da an diese dumm-neckischen vollbusigen Einheitsschönheiten in knappen Häschenkostümen denken oder diese Schreckgestalt Rolf Eden, der aussieht wie Boris Becker in 35 Jahren, oder die Bilder von hemmungslosem Champagnergespritze russischer Jungmillionäre, nein dann war Sachs sicher kein Playboy. Er wirkte nie schrill, plump oder ordinär, Gentleman, das  passt eher zu seiner öffentlichen Erscheinung.

Gunter Sachs hat sich am 07. Mai das Leben genommen, weil er fürchtete, an Alzheimer erkrankt zu sein. Die Nachricht schockte. Sogar das quirlige Leben an der Côte d'Azur hielt für einen kleinen Moment den Atem an. Erinnerungen an andere Zeiten wurden hervorgeholt, als die Reichen und Schönen noch unbeschwert am Place des Lices in St. Tropez mit all den Dubois oder Leroys Boule spielten, an die Zeiten von Eddy Barclay und Johnny Halliday. Die Zeiten sind schon lange vorbei, auch wenn die Côte noch heute von ihnen zehrt und man manchmal noch einen Hauch davon erhaschen kann.

Die Nachricht macht auch sprachlos. 78 – das ist doch kein Alter. Und er hat noch nicht mal eine exakte Diagnose gehabt. An Depressionen soll er gelitten haben. Für einen kurzen Moment ist der private Gunter Sachs öffentlich geworden. Ein Mann mit Ängsten, ein mutiger Mann, ein verzweifelter Mann. Ein Mann mit Stil.

Für uns, die wir nur ein paar Fetzen seines Lebens mitbekommen haben, soll ein Bild in Erinnerung bleiben, das eines gebildeten, gut aussehenden weißhaarigen Herrn, im Garten seines Hauses in Ramatuelle, ein vom gekühlten Wein beschlagenes Glas Rosé in der Hand, der Wein, der wie kein anderer zu St. Tropez passt, zart, verspielt, manchmal ein wenig zu süß, manchmal ein wenig zu blass, manchmal erstaunlich. Rosé wird von allen getrunken, vom Bauarbeiter in der Mittagspause, vom Bankangestellten nach Dienst, zum einfachen Abendessen und zum eleganten Dîner. Da unten passt er immer.


Dem ernsthaften Gunter Sachs öffne ich aber heute eine andere Flasche provenzalischen Weines, einen aus der Nachbarschaft. Wenn man einmal um das Cap Lardier, das den Golf von St. Tropez nach Westen begrenzt, herum fährt, ist man wieder in normalen Leben, in La Croix Valmer z.B. Die Leute dort sind nicht ganz so reich, nicht ganz so interessant, alles ein bisschen weniger spektakulär.

Die Qualität der Weine der Domaine de la Croix, die aus der örtlichen Kooperative hervorgegangen ist,  hat sich in den letzten Jahren enorm verbessert. In den 1990er und Anfang der 2000er Jahre waren es eher belanglose, manchmal sogar unharmonische Getränke. Ab 2004 hat man einen radikalten Neuanfang gestaltet, Rebflächen erneuert, sorgfältig bewirtschaftet, Keller modernisiert und die Mühen haben sich gelohnt.

2009 Eloge
Domaine de la Croix Cru Classé, AOC Provence

Inzwischen nehmen immer mehr Güter die in den 50er Jahren einmal verteilte Klassifizierung ernst und bemühen sich, dieser Auszeichnung gerecht zu werden. Eloge ist eine Cuvée aus 70% Syrah und 30% Mourvèdre, der Wein hat 12 Monate im Eichenfass zugebracht und ist von einem fast undurchsichtigen Dunkelrot mit einigen violetten Reflexen. Er duftet fein nach Johannisbeeren und schwarzen Kirschen begleitet von einer zarten floralen Note, etwas Pfingstrose und Ginster. Am Gaumen dicht und kraftvoll, vielschichtig,  noch starkes Tannin, jugendliche Frucht vor allem Johannisbeere, aber auch Gewürz und Bitterschokolade, langer mineralischer Abgang und 14.5 vol% Alkohol, die dem Wein sein Gerüst geben. Durchaus ein vin de garde, womit in der Provence allerdings maximal 10 – 12 Jahre gemeint sind.

Fast schon ein Meditationswein, den man zur Daube, zu Trüffeln, zum Rebhuhn und all den anderen provenzalischen deftigen Gerichten abseits der Fische und Jakobsmuscheln und dem leichten Chichi der Küstenküche  genießen kann.

Ein letzter Schluck auf die Vergänglichkeit allen Seins, aus ein vollendetes Leben, ….. better to burn out than to fade away ….. auf Gunter Sachs, den Playboy, der nie einer war.

Kommentare:

  1. Danke für diese Gedanken, susa.

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  2. Sehr einfühlsam geschrieben - danke.

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  3. Ein wirklich sehr lesenswerter Post, hat mir gut gefallen.

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  4. Hat mir auch gefallen - Ausflug in eine andere Welt. Mmmhm, Rose, kalt...
    ilse von 356 days

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  5. Natürlich werden die wenigsten von uns Gunter Sachs gekannt haben und vermutlich niemand gut. Aber es stimmt schon; mit einem gewissen Lebensgefühl, einer Einstellung oder auch nur einer Darstellung, für die Gunter Sachs stand und steht, verbinden doch viele ein ganze Menge.

    Also letztens, hatte so ein Mädchen irgendwo kundgetan, wie sie sich denn eine große Zuneigungsgeste vorstellt; „Papperlapapp“, sagte Frau Fuchur (mein Erdenglück) „Gunter Sachs und seine Rosen, kann man eh nicht mehr toppen!“ Hat sie ja recht, irgendwie…

    Andererseits kann ja jeder mal den Aufwand auf seine persönlichen Verhältnisse herunterrechnen und wäre vermutlich trotzdem nicht bereit, die adäquate Verschwendung zu betreiben! (Geschenke und Essenseinladungen gelten nicht!)

    Die wenigen öffentlichen Auftritte die ich von Herrn Sachs erlebt habe, habe ich ihn mit einer ausgeprägten Ernsthaftigkeit wahrgenommen; dass ich dabei auch einen feinen Humor, ja fast einen gewissen Schalk verspürte, hat mich durchaus für Ihn eingenommen.

    Und dass der de la Croix vierzehneinhalb Umdrehungen hat, wäre mir gar nicht mehr so gegenwärtig gewesen. Wie der Text; sehr gut ausgewählt!

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  6. Einfach klasse geschrieben, susa!

    Vom finanziellen Aspekt abgesehen fällt mir jede Menge ein, wie diese Helikopter-Rosen-Geschichte zu toppen wäre, Herr Praktikant. Zumal ich ja nicht über das Personal verfüge, das die ganzen Rosen wieder einsammelt. Obwohl... *grins

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  7. Das Lesen des Berichts macht Freude, sehr angenehm zu lesen, danke. Vergessen ging Gunther Sachs' fotografisches Werk, er war ein grossartiger Fotograf.

    Seinen Entschluss respektiere ich, und der Gedanke, ich könnte den noch letzmöglichen Moment verpassen, gleiches zu tun, macht mir Sorge.

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  8. Houdini, Du hast Recht, das hab ich unterschlagen. Ich habe mal eine Austellung seiner Polaroids gesehen, das war sein fotografisches Frühwerk, sehr beeindruckend.

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